Freitag, 27. Januar 2012
Bagatelle 145 - Terras Kabel
terra40, 17:14h
Doch, Ehre wem Ehre gebührt: allerhände Hochachtung vor einem guten Handwerker. Jemand der seine Hände perfekt dás machen läßt, was sein Gehirn ausgedacht hat. Oder dás was ich, des Handwerkers gütiger Auftraggeber, ihn, dringend aber freundlichst, gebeten habe für mich zu errichten. Und alles ohne Fug und Tadel, schön um anzusehen, brauchbar und nützlich, und fast innerhalb der abgemachten Zeit die wir für das Verrichten der Arbeit vereinbart hatten.
Ich gebe ja zu, daß es Handwerker gibt die sich nicht an diese Gesetze halten. Oder es freiwillig freimütig interpretieren. Die 121 Euro für eine Stunde unbrauchbare und nutzlose Arbeit anschreiben und sich wundern wenn Sie sich beschweren.
Die aber meine ich nicht. Ich meine die Schreiner die liebebevoll ihrem alten Schrank voller Mehlwurm das Leben wieder geben. Und der Maurermeister der bei mir im Badezimmer einen Fliesenboden präzise, genau und auf den Millimeter passend legt. Nach getaner Arbeit stehen wir denn da: der eine der denkt: So, das hab' ich mal wieder geschafft! Und der andere, ich selber, staunend, der ausruft: Phantastisch! Mensch, so etwas mußte man selber können!
Nein, gute fachmännische Handarbeit kann auf meine Bewunderung und mein Lob rechnen. Aber dies gilt natürlich auch für fachfräuliche Arbeiten. Meine Frau zum Beispiel schneidert und näht fast all ihre Kleidung selber. Mit äußester Bewunderung stehe ich vor einem solcher Papierbögen, ein Schnittmuster mit tausenden von Linien, woraus sie ohne zu zögern diejenigen wählt die sie braucht für die neue Couture.
Auch im Stricken ist sie ein Genie. So trage ich jetzt, wo ich Ihnen dies schreibe, eine von ihr gestrickten rötlichen Weste. Mehr als dreißig Jahre alt, völlig aus der Mode, aber immer noch geschmeidig, lecker warm und angenehm im Tragen. Und das am allermeisten besondere ist der Kabel. Es scheint eine Strickform zu sein (oder eine Strickformel?) mit der man wunderbare Strickvariationen sichtbar machen kann. In diesem Fall sieht man auf meiner Weste erhöhte Wolldrahtlinien sich vom unteren Rand bis nach ganz oben bewegen. Ein köstliches Beispiel fachfräulicher Handarbeitskunst würde ich meinen.
Übrigens, die Weste sehen Sie hier unten. Zierlich über der Rückenlehne eines unserer Schlafzimmerstühle gehängt. Den Stuhl können Sie nicht kaufen. Nirgends. Der ist nämlich vor Jahren von mir selber in feinster Handarbeit hergestellt worden. Damals als die Handwerker und Schreinermeister genau so teuer waren als heute.

Ich gebe ja zu, daß es Handwerker gibt die sich nicht an diese Gesetze halten. Oder es freiwillig freimütig interpretieren. Die 121 Euro für eine Stunde unbrauchbare und nutzlose Arbeit anschreiben und sich wundern wenn Sie sich beschweren.
Die aber meine ich nicht. Ich meine die Schreiner die liebebevoll ihrem alten Schrank voller Mehlwurm das Leben wieder geben. Und der Maurermeister der bei mir im Badezimmer einen Fliesenboden präzise, genau und auf den Millimeter passend legt. Nach getaner Arbeit stehen wir denn da: der eine der denkt: So, das hab' ich mal wieder geschafft! Und der andere, ich selber, staunend, der ausruft: Phantastisch! Mensch, so etwas mußte man selber können!
Nein, gute fachmännische Handarbeit kann auf meine Bewunderung und mein Lob rechnen. Aber dies gilt natürlich auch für fachfräuliche Arbeiten. Meine Frau zum Beispiel schneidert und näht fast all ihre Kleidung selber. Mit äußester Bewunderung stehe ich vor einem solcher Papierbögen, ein Schnittmuster mit tausenden von Linien, woraus sie ohne zu zögern diejenigen wählt die sie braucht für die neue Couture.
Auch im Stricken ist sie ein Genie. So trage ich jetzt, wo ich Ihnen dies schreibe, eine von ihr gestrickten rötlichen Weste. Mehr als dreißig Jahre alt, völlig aus der Mode, aber immer noch geschmeidig, lecker warm und angenehm im Tragen. Und das am allermeisten besondere ist der Kabel. Es scheint eine Strickform zu sein (oder eine Strickformel?) mit der man wunderbare Strickvariationen sichtbar machen kann. In diesem Fall sieht man auf meiner Weste erhöhte Wolldrahtlinien sich vom unteren Rand bis nach ganz oben bewegen. Ein köstliches Beispiel fachfräulicher Handarbeitskunst würde ich meinen.
Übrigens, die Weste sehen Sie hier unten. Zierlich über der Rückenlehne eines unserer Schlafzimmerstühle gehängt. Den Stuhl können Sie nicht kaufen. Nirgends. Der ist nämlich vor Jahren von mir selber in feinster Handarbeit hergestellt worden. Damals als die Handwerker und Schreinermeister genau so teuer waren als heute.

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Samstag, 21. Januar 2012
Bagatelle 144 - Walnußbrennholz
terra40, 12:20h
- Was machst du denn da? Sitzt gehockt mit einer Kamera in der Hand vor einem Stapel Hackholz. Baust einen Hausaltar?
- Nein. Ich sitze hier und betrachte die unglaubliche Holzoberflächen unter der grünen Rinde die ich gerade entfernt habe. Hast du je so etwas gesehen?
- Das sieht dir so ähnlich. Holzhäute beobachten. Nichts besseres zu tun?
- Nein, dies hat Vorfahrt. Ich könnte in feinster Lyrik ausbrechen beim Sehen dieser Strukturen und Linien! Aber du, Kulturbanause, verstehst das doch nicht.
- Spezielles Holz vielleicht? Was ist so extra besonders daran?
- Das hier ist Walnußholz. Es stammt von einem alten, meinem Schwager gehörenden 75-jährigen Baum, der voriges Jahr das Leben gelassen und vorige Woche gesägt, gehauen, geschlagen, gehackt und entfernt worden ist.
- Die sind aber froh daß der Baum weg ist!
- Nicht unbedingt. Dein ein Walnußbaum bietet - außer seiner Nüsse im Herbst - an einem warmen Sommertag nicht nur Schatten und Abkühlung. Er schützt auch vor Mücken und anderes Ungeziefer. Mein Schwager pflanzt sicherlich einen neuen.
- Was macht die Kamera?
- Ich fotografiere die Oberflächen. Siehst du nicht? Daß Cezanne und unser Vincent van Gogh von diesen Linien inspiriert worden sind, ist kein Wunder.
- Das Holz ist noch ganz feucht. Was geschieht mit ihnen? Mit den Walnußbrocken, meine ich.
- Wir lassen es zwei Jahre an der frischen Luft trocknen. Und danach erwärmen sie uns im Holzkaminofen. Wie Fruchtbaum liegt Nußbaumholz lange und erwärmt gut.
- Und dann ist's endgültig aus und vorbei. Asche zu Asche.
- Nein, dann schreib ich darüber eine Bagatelle.

- Nein. Ich sitze hier und betrachte die unglaubliche Holzoberflächen unter der grünen Rinde die ich gerade entfernt habe. Hast du je so etwas gesehen?
- Das sieht dir so ähnlich. Holzhäute beobachten. Nichts besseres zu tun?
- Nein, dies hat Vorfahrt. Ich könnte in feinster Lyrik ausbrechen beim Sehen dieser Strukturen und Linien! Aber du, Kulturbanause, verstehst das doch nicht.
- Spezielles Holz vielleicht? Was ist so extra besonders daran?
- Das hier ist Walnußholz. Es stammt von einem alten, meinem Schwager gehörenden 75-jährigen Baum, der voriges Jahr das Leben gelassen und vorige Woche gesägt, gehauen, geschlagen, gehackt und entfernt worden ist.
- Die sind aber froh daß der Baum weg ist!
- Nicht unbedingt. Dein ein Walnußbaum bietet - außer seiner Nüsse im Herbst - an einem warmen Sommertag nicht nur Schatten und Abkühlung. Er schützt auch vor Mücken und anderes Ungeziefer. Mein Schwager pflanzt sicherlich einen neuen.
- Was macht die Kamera?
- Ich fotografiere die Oberflächen. Siehst du nicht? Daß Cezanne und unser Vincent van Gogh von diesen Linien inspiriert worden sind, ist kein Wunder.
- Das Holz ist noch ganz feucht. Was geschieht mit ihnen? Mit den Walnußbrocken, meine ich.
- Wir lassen es zwei Jahre an der frischen Luft trocknen. Und danach erwärmen sie uns im Holzkaminofen. Wie Fruchtbaum liegt Nußbaumholz lange und erwärmt gut.
- Und dann ist's endgültig aus und vorbei. Asche zu Asche.
- Nein, dann schreib ich darüber eine Bagatelle.

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Sonntag, 15. Januar 2012
Bagatelle 143 - Bismarck
terra40, 19:02h
Irgendwo auf dieser wahrscheinlich für Sie unverständlichen Landkarte sehen Sie ihn stehen: ihren Bismarck. Zwar in Verbindung mit einer See, aber dennoch. Irgend in der Nähe, so habe ich mir erzählen lassen, müßte sich auch eine bismärckische Archipel befinden. Lassen Sie mich versuchen Ihnen auch der Rest der Karte zu erklären. Alles ist ziemlich kompliziert, aber allemal ein Versuch wert. Denn die Geschichte feiert dieses Jahr ihr goldenes Jubiläum. Zu feiern gibt es zwar nichts, im Gegenteil, aber es ist wohl wahr, daß es schon ein halbes Jahrhundert her ist.
1949 war es, als Indonesien die Unabhängigkeit bekam. Das riesige Inselreich im Osten war bis dato eine niederländische Kolonie. Bis auf eine Ausnahme: der westliche Teil Neu-Guineas blieb unter niederländischer Obhut. (Ost Neu-Guinea war und blieb Teil Australiens.) Den Einwohnern Niederländisch Neu Guinea, den Papuas, wurde versprochen, daß ihr Land auf Dauer eine - separat von Indonesien - selbständige Republik sein werde.
Von 1949 bis 1961 blieb dieser Zustand unverändert, sei es daß Indonesiens Präsident Sukarno es immer wieder versuchte mit kleinen Attacken politischer und militärischer Art, die Welt davon zu überzeugen, daß Neu-Guinea zu Indonesien gehörte. Mitte 1961 kam es dann zu den ersten ernsten (militärischen) Auseinandersetzungen.
Es war auch zu dieser Zeit, daß ein gewisser Terra, derzeit schon ziemlich Anti-Militarist, aber kein prinzipieller Wehrdienstverweigerer, vom Staate gerufen wurde dem Vaterland zu dienen indem er fast zwei Jahre von Haus, Hof und Arbeit getrennt wurde um zu lernen wie man marschiert und wie man am besten lernt grausam langweilige Stunden in einer Kaserne zu verbringen. Das änderte sich drastisch, als er mit sieben anderen Unfreiwilligen aus seiner Kompanie ausgesucht wurde um ab August 1962 nach Neu-Guinea umzusiedeln, um dort unter der Tropensonne die niedriger gelegen Lande gegen Sukarnos Gefolgsleuten zu verteidigen. Halb August war alles in voller Vorbereitung: nach einem vierzehntägigen Tropenurlaub stand als letzteres eine Wochentropenkursus auf dem Programm. Sofort danach war die Abreise geplant.
Nein, in Neu-Guinea war ich nie. Denn der damalige VS-Außenminister John Foster Dulles hatte mit seinem niederländischen Kollegen Joseph Luns vereinbart das westliche Neu-Guinea den Indonesiern zu überlassen. (Die VS brauchten Indonesien als eine Art Schutzwall gegen den aufkommenden Kommunismus in Süd-Ost Asien). Deshalb wurde uns am 22. August 1962, während unserer Tropenübungskurs mitgeteilt, daß von nun an kein einziger holländischer Soldat Richtung Bismarck Archipel zu reisten brauchte. Denselben Abend konnte man den Terra, zusammen mit zwei Freunden, fröhlich feiernd mitten über die Waal-Brücke gehen sehen.
Hier unter sehen Sie ein kleines Schildchen. Jeder, der damals freiwillig oder unfreiwillig nach Neu-Guinea geschickt wurde, trug ein solches Schildchen auf seiner Uniform, auch die Soldaten die sich noch in der Ausbildungsphase befanden. Ich war sicherlich nicht stolz darauf. Damals und heute überfällt mich vielmehr ein Gefühl der Scham wenn ich es sehe. Es waren ja die von uns gewählten Politiker, welche die Versprechungen den Papuas gegenüber brachen.
Noch immer, auch in 2012, nach fünfzig Jahren, gibt es Gruppen in den Molukken und in Neu-Guinea, die sich für die Unabhängigkeit einsetzen. Wir, nicht-wissende Feiglinge, sitzen da und schauen zu. Wie immer in solchen Situationen.

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Montag, 9. Januar 2012
Bagatelle 142 - Glücksfall
terra40, 16:16h
Sagen doch alle die mich einigermaßen kennen. Und wer bin ich um so etwas zu verneinen? Doch, ich bin ein Sonntagskind. Zwar nicht an einem Sonn-, Mond- oder sonst einem Himmelskörpertag geboren, aber dennoch vom Glück verwöhnt. Beweisen lässt sich eine solche Behauptung schwer, aber es stimmt dass ich in meinem Leben öfters zu mir selber sagen konnte: 'Mensch, Junge, da hast du aber viel Glück gehabt!' Worauf ich gleich das aufkommende zugehörige Glücksgefühl dämpfte indem ich antwortete: 'Na, só schlimm war es nun wieder auch nicht!'
Hoffentlich kennen Sie Kleve. Eine Kleinstadt am Niederrhein. Prächtig gelegen, dort am Flussufer, mit vorne die weiten Auen und Wiesen der Tiefebene und hinten die bewaldeten Hügel des Reichswaldes. Berühmt ist die unübertroffene Schwanenburg, der Zoo und das Haus Koekoek, wo einst einer der großen Landschaftsmalers des 19. Jahrhunderts gastierte.
Kein böses Wort über die Stadt Kleve, weder über ihr An- und Aussehen, geschweige denn über ihre Bürger und gar nicht über ihre Taxifahrer. Denn diese Gilde hat mir in meiner Studentenzeit einiges Glück beschert, wovon ich jetzt berichten werde.
Wählen kann man. Theoretisch jedenfalls. Auf einer Kreuzung im westlichen Teil von Kleve kann man Richtung Emmerich zurückfahren, oder geradeaus den Weg durch den Reichswald benutzen. Man kann auch links in die Stadt abbiegen oder rechts die Hauptstraße entlang über Nütterden, Kranenburg und Wyler zu der Universitätsstadt Noviomagus (das, wie Sie längst vermuteten, Nimwegen bedeutet) in die Niederlande fahren. Das letztere war mein Plan. Denn diesen Nachmittag um 14.00 Uhr stand ein sehr wichtiges Psychologie-Examen an. Die Studenten, unter denen ich, Terra, wurden freundlichst gebeten ihre Kenntnisse betreffende die Grundlagen der Klinischen Psychologie schriftlich darzulegen, zu argumentieren und zu kommentieren. Die dafür zustehende Zeit betrug volle zwei Stunden plus eine Viertelstunde zum reflektieren. (Im Ernst: es war das weitaus wichtigste Examen in meinem zweiten Studienjahr 1978.)
Es war gerade 13.00 Uhr als ich in meiner treuen Ente (2CV) die Klever Kreuzung erreichte. Noch höchstens eine halbe Stunde fahren und dann ruhig, voller Zuversicht, entspannt und zugleich konzentriert, den Examensaal betreten um sich im Geiste vorzubereiten.
Plötzlich, ich war gerade nach rechts abgebogen, streikte das Auto. Das heißt: der Motor lief, aber die Kupplung war nicht imstande oder nicht bereit mir zu helfen einen Gang, welchen auch immer, einzulegen. Ich stieg aus, und schob die liebe Ente im Freilauf auf einen kleinen Parkplatz am Rande. Es war 13.10.
Es war 13.30, als ich nach zahllosen nutzlosen Versuchen per Anhalter meine Reise zu verfolgen, beschloss zurück in die Stadt zu gehen. Dort wollte ich ein Taxi oder ein anderes Beförderungsmittel suchen und bitten mich sofort, aber denn auch SOFORT und ZÜGIGST, nach Nimwegen zu bringen. Um 13.50 erreichte ich die Innenstadt, wo eine freundliche Dame mir sagte, dass der nächste Taxistand sich ein halber Kilometer weiter aufhielte. Auch wusste sie zu berichten, dass der Omnibus nach Kranenburg vor fünf Minuten abgefahren sei.
Etwa 14.00 Uhr hatte die Glocke geschlagen als ich Garage Annex Taxistand erreichte. Kein Taxi weit und breit. Gerade als ich den Gesellen fragen wollte ob es hier überhaupt Taxis gäbe, kam ein als Taxi verkleideter Mercedes um die Ecke gebogen. Der Chauffeur war bereit mich, unter Zahlung von 20 D-Mark, mein einziges Geld, nach Nimwegen zu fahren. Zuerst besuchten wir den kleinen Parkplatz wo meine Ente stand um meine Sachen zu holen. Es war inzwischen 14.30 Uhr.
Unterwegs hatte ich gerade noch Zeit um meine missliche Lage zu erklären, denn der Taxifahrer raste so schnell er konnte und viel schneller als gestattet durch die ländliche Landschaft. Es war 15.00 Uhr als ich den Examensaal betrat, wo einige andere Studenten mich schweigend begrüßten mit in ihren Augen die Frage: wo bleibst du so lange?
Ich las die Aufgaben und Texte, entschloss mich für eine Auswahl, und setzte mich an die Arbeit. Viertel nach vier war es als ich dem diensthabenden Professor meine in Eile geschriebenen Antworten, Bemerkungen und Meinungen überreichte.
Der nächste Tag schleppten ein Kollege und ich meine Ente von der Klever Garage zurück in meine Hausgarage wo die defekte Kupplung repariert wurde. Vierzehn Tage später las ich in der Universitätsaula auf einem der vielen Informationsbrettern, dass der Student mit der Nummer 760010 das Examen Grundlagen der Klinischen Psychologie bestanden habe. Noch später erfuhr ich, dass der genannte Student zwar große Abstriche erhalten habe wegen des unbeantwortet lassens einiger Aufträge und Fragen, der Rest sei aber in (guter) Ordnung.
Sie sehen: wieder ein Glücksfall. Denn es war ausgesprochenes Glück, dass ich dort in der Klever Innenstadt, in einem Moment worin ich ihm am meisten brauchte, einem Taxifahrer begegnete, der bereit war mich, mit Gefahr für mein und sein Leben, für lausige zwanzig Mark zu einem Examen zu bringen das meine weitere Karriere sehr beeinflussen sollte.
Sehen Sie, darum bin ich ein Sonntagskind. Denn solche Sachen sind mir in meinem Bestehen laufend passiert. Unfälle welche glimpflich abliefen. Unverhofft schwierige Umstände die sich später als vorteilhaft erwiesen. Düstere Wolken wonach die Sonne strahlend hervor trat. Das nenne ich Glück. Denn es hätte ja alles viel schlimmer kommen können!

Hoffentlich kennen Sie Kleve. Eine Kleinstadt am Niederrhein. Prächtig gelegen, dort am Flussufer, mit vorne die weiten Auen und Wiesen der Tiefebene und hinten die bewaldeten Hügel des Reichswaldes. Berühmt ist die unübertroffene Schwanenburg, der Zoo und das Haus Koekoek, wo einst einer der großen Landschaftsmalers des 19. Jahrhunderts gastierte.
Kein böses Wort über die Stadt Kleve, weder über ihr An- und Aussehen, geschweige denn über ihre Bürger und gar nicht über ihre Taxifahrer. Denn diese Gilde hat mir in meiner Studentenzeit einiges Glück beschert, wovon ich jetzt berichten werde.
Wählen kann man. Theoretisch jedenfalls. Auf einer Kreuzung im westlichen Teil von Kleve kann man Richtung Emmerich zurückfahren, oder geradeaus den Weg durch den Reichswald benutzen. Man kann auch links in die Stadt abbiegen oder rechts die Hauptstraße entlang über Nütterden, Kranenburg und Wyler zu der Universitätsstadt Noviomagus (das, wie Sie längst vermuteten, Nimwegen bedeutet) in die Niederlande fahren. Das letztere war mein Plan. Denn diesen Nachmittag um 14.00 Uhr stand ein sehr wichtiges Psychologie-Examen an. Die Studenten, unter denen ich, Terra, wurden freundlichst gebeten ihre Kenntnisse betreffende die Grundlagen der Klinischen Psychologie schriftlich darzulegen, zu argumentieren und zu kommentieren. Die dafür zustehende Zeit betrug volle zwei Stunden plus eine Viertelstunde zum reflektieren. (Im Ernst: es war das weitaus wichtigste Examen in meinem zweiten Studienjahr 1978.)
Es war gerade 13.00 Uhr als ich in meiner treuen Ente (2CV) die Klever Kreuzung erreichte. Noch höchstens eine halbe Stunde fahren und dann ruhig, voller Zuversicht, entspannt und zugleich konzentriert, den Examensaal betreten um sich im Geiste vorzubereiten.
Plötzlich, ich war gerade nach rechts abgebogen, streikte das Auto. Das heißt: der Motor lief, aber die Kupplung war nicht imstande oder nicht bereit mir zu helfen einen Gang, welchen auch immer, einzulegen. Ich stieg aus, und schob die liebe Ente im Freilauf auf einen kleinen Parkplatz am Rande. Es war 13.10.
Es war 13.30, als ich nach zahllosen nutzlosen Versuchen per Anhalter meine Reise zu verfolgen, beschloss zurück in die Stadt zu gehen. Dort wollte ich ein Taxi oder ein anderes Beförderungsmittel suchen und bitten mich sofort, aber denn auch SOFORT und ZÜGIGST, nach Nimwegen zu bringen. Um 13.50 erreichte ich die Innenstadt, wo eine freundliche Dame mir sagte, dass der nächste Taxistand sich ein halber Kilometer weiter aufhielte. Auch wusste sie zu berichten, dass der Omnibus nach Kranenburg vor fünf Minuten abgefahren sei.
Etwa 14.00 Uhr hatte die Glocke geschlagen als ich Garage Annex Taxistand erreichte. Kein Taxi weit und breit. Gerade als ich den Gesellen fragen wollte ob es hier überhaupt Taxis gäbe, kam ein als Taxi verkleideter Mercedes um die Ecke gebogen. Der Chauffeur war bereit mich, unter Zahlung von 20 D-Mark, mein einziges Geld, nach Nimwegen zu fahren. Zuerst besuchten wir den kleinen Parkplatz wo meine Ente stand um meine Sachen zu holen. Es war inzwischen 14.30 Uhr.
Unterwegs hatte ich gerade noch Zeit um meine missliche Lage zu erklären, denn der Taxifahrer raste so schnell er konnte und viel schneller als gestattet durch die ländliche Landschaft. Es war 15.00 Uhr als ich den Examensaal betrat, wo einige andere Studenten mich schweigend begrüßten mit in ihren Augen die Frage: wo bleibst du so lange?
Ich las die Aufgaben und Texte, entschloss mich für eine Auswahl, und setzte mich an die Arbeit. Viertel nach vier war es als ich dem diensthabenden Professor meine in Eile geschriebenen Antworten, Bemerkungen und Meinungen überreichte.
Der nächste Tag schleppten ein Kollege und ich meine Ente von der Klever Garage zurück in meine Hausgarage wo die defekte Kupplung repariert wurde. Vierzehn Tage später las ich in der Universitätsaula auf einem der vielen Informationsbrettern, dass der Student mit der Nummer 760010 das Examen Grundlagen der Klinischen Psychologie bestanden habe. Noch später erfuhr ich, dass der genannte Student zwar große Abstriche erhalten habe wegen des unbeantwortet lassens einiger Aufträge und Fragen, der Rest sei aber in (guter) Ordnung.
Sie sehen: wieder ein Glücksfall. Denn es war ausgesprochenes Glück, dass ich dort in der Klever Innenstadt, in einem Moment worin ich ihm am meisten brauchte, einem Taxifahrer begegnete, der bereit war mich, mit Gefahr für mein und sein Leben, für lausige zwanzig Mark zu einem Examen zu bringen das meine weitere Karriere sehr beeinflussen sollte.
Sehen Sie, darum bin ich ein Sonntagskind. Denn solche Sachen sind mir in meinem Bestehen laufend passiert. Unfälle welche glimpflich abliefen. Unverhofft schwierige Umstände die sich später als vorteilhaft erwiesen. Düstere Wolken wonach die Sonne strahlend hervor trat. Das nenne ich Glück. Denn es hätte ja alles viel schlimmer kommen können!

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Dienstag, 3. Januar 2012
Bagatelle 141 - Anzeige
terra40, 16:17h
In tiefer Trauer
geben wir bekannt, daß
seit voriger Woche
wird vermißt unser unentbehrlicher
teurer
STALO
Länge innerlich: 200 Zentimeter
Diameter äußerlich: 5 Zentimeter
so etwa
Farben: schwarz und gelb

ist er verschwollen?
den Weg nach Hause verloren?
oder entführt worden?
zeitlich auf Wasser und Brot?
wer vermag es zu sagen?
mein Gefährte
mein Helfer in bangen Zeiten
mein kleiner Freund
immer ehrlich, gradlinig
uneigennützig, geradeaus
flexibel trotz Rückgrat
sich sträubend, dennoch gefügig
niemals nachtragend, immer kooperativ
kein Schimpfen oder Toben
die Lüge hinter sich lassend
die Wahrheit gepachtet
mein aufgerolltes Gewissen
mein Kumpel
mein Maßfreund
mein Rollmaß
mein Maß
geben wir bekannt, daß
seit voriger Woche
wird vermißt unser unentbehrlicher
teurer
STALO
Länge innerlich: 200 Zentimeter
Diameter äußerlich: 5 Zentimeter
so etwa
Farben: schwarz und gelb

ist er verschwollen?
den Weg nach Hause verloren?
oder entführt worden?
zeitlich auf Wasser und Brot?
wer vermag es zu sagen?
mein Gefährte
mein Helfer in bangen Zeiten
mein kleiner Freund
immer ehrlich, gradlinig
uneigennützig, geradeaus
flexibel trotz Rückgrat
sich sträubend, dennoch gefügig
niemals nachtragend, immer kooperativ
kein Schimpfen oder Toben
die Lüge hinter sich lassend
die Wahrheit gepachtet
mein aufgerolltes Gewissen
mein Kumpel
mein Maßfreund
mein Rollmaß
mein Maß
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Freitag, 30. Dezember 2011
Bagatelle 140 - Auslauf
terra40, 22:34h
Vor wenigen Stunden haben wir das alte Jahr feierlich abgeschlossen.
wir zählten unsere Jahrringe
und eröffneten
unter dem Genuß traditioneller Silvesterleckereien
(gibt es ein solches Wort überhaupt noch?)
das Jahr 2012.
Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern
dieser Bagatellen
alles Gute im neuen Jahr.

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Dienstag, 27. Dezember 2011
Bagatelle 139 - Geheime Drucksache
terra40, 11:46h
Doch, es gibt sie noch: liebgewonnene Verwandten und Freunde die mir einen Brief schreiben. Einen richtigen Brief, mit echter Tinte auf herrlich duftendem Papier geschrieben. In einer charakteristischen Handschrift, wobei vieles geschriebene einiges zu raten läßt. Keine unpersönliche digitale emails, sondern liebe Schreibereien, wobei einem beim Lesen eine Wolke von Genuß entgegen strömt.
Um solch einen Brief handelt die folgende Bagatelle. Nur unter einer Bedingung dürfen Sie die lesen. Sie müssen mir versprechen, daß alles was Sie im weiteren lesen, unter uns bleibt. Stärker noch: Sie erklären hierbei feierlich, daß Sie keinem, auch nicht ihren nächsten Verwandten, auch nur eine Silbe erzählen werden von was Sie hier lesen werden. Ehrenwort und Hand aufs Herz! Die Sache ist nämlich heiß und geheim. Staatsgeheim möchte man fast annehmen.
Angefangen hat alles in der Zeit da man anfing Briefe zu schreiben. Das Befördern eines geschriebenen Briefes vom Schreiber zum Leser überließ man dem Landespostministerium, welches speziell dafür Postmeister und Postbeamte anheuerte welche die Post besorgten. Weil die Postleute freundlich gestimmt und gutherzig sind, langsam im Denken, aber nicht ganz und gar dumm, lassen die sich von den Briefeschreibern für ihre Dienste bezahlen mittels geklebte Briefmarken.
Briefmarken gibt es in Hülle und Fülle. Je unbedeutender das Land, je größer und schöner die Marken. Und wenn sich irgendwo irgendetwas wichtiges manifestiert, (in Dafinsternistan ist ein Siebenling geboren) kommt die Landespost mit einer neuen Serie Briefmarken.
Es gibt jetzt zwei Fragen die um unsere Aufmerksamkeit bitten. Erstens: wer kontrolliert überhaupt ob wir die richtigen Briefmarken auf unseren Briefen kleben? Und zweitens: sind wir verpflichtet ausschließlich die von der Landes- und Bundespost zum Verkauf angebotenen Marken zu kleben?
Die Antworten - alle strengstens geheim! - sind folgende. Erstens: Nein, kontrolliert wird nicht und wenn, denn selten und stichprobenweise. Zweitens: ja, verpflichtet schon, aber wir schaffen für uns selber eine kreative Ausnahme.
Hier unten sehen Sie einen Briefumschlag den ich vor einiger Zeit erhielt. (Der Inhalt tut nicht zur Sache, es geht um die Verpackung.) Namen und Adresse des Adressierten sind aus privatrechtlichen Gründen der privacy von mir abgeklebt worden. Sie können ruhig annehmen daß der Brief an mich gerichtet war. Ein Brief (Luftpost) aus Oman offenbar, das sehen wir der Briefmarke ab. Aber von einem Poststempel versehen in einer holländischen Kleinstadt! So geht’s also auch. Mann klebt eine fremd-orientalische Marke auf einem Brief, oder man entwirft selbst eine.
Ganz unter uns: der Verfasser und Absender dieses Briefes hat mit einigen Freunden schon Jahre eine Wette laufen, wer die schönsten falschen Briefmarken entwirft oder klebt ohne daß die Post es merkt!
Briefmarken können auch ruhig zwei mal verwendet werden. Vor Jahren erhielten Sie möglicherweise einen Brief aus der DDR. Jetzt, anno 2011, kleben Sie die alte Marke auf einem neuen Brief. Die Post wird es Ihnen danken und nichts davon merken.
Selbstverständlich ist das Kleben van falschen Marken strafbar und strengstens von der Hand zu weisen. Mein lieber Briefeschreiber hat mir versichert, daß er so etwas nur einige Male im Jahr tut, als Spaß an der Freud. Sonst frankiert er seine Briefe sorgfältig mit den davor vorgesehenen Marken mit dem verabredeten Wert. Denn wir wollen doch bitte nicht den Postleuten das Brot aus dem Munde stoßen.
Lasset uns nicht mehr davon reden. Es gibt das Briefgeheimnis, es gibt auch das Briefmarkengeheimnis. Wir wollen es weiterhin hüten.
Um solch einen Brief handelt die folgende Bagatelle. Nur unter einer Bedingung dürfen Sie die lesen. Sie müssen mir versprechen, daß alles was Sie im weiteren lesen, unter uns bleibt. Stärker noch: Sie erklären hierbei feierlich, daß Sie keinem, auch nicht ihren nächsten Verwandten, auch nur eine Silbe erzählen werden von was Sie hier lesen werden. Ehrenwort und Hand aufs Herz! Die Sache ist nämlich heiß und geheim. Staatsgeheim möchte man fast annehmen.
Angefangen hat alles in der Zeit da man anfing Briefe zu schreiben. Das Befördern eines geschriebenen Briefes vom Schreiber zum Leser überließ man dem Landespostministerium, welches speziell dafür Postmeister und Postbeamte anheuerte welche die Post besorgten. Weil die Postleute freundlich gestimmt und gutherzig sind, langsam im Denken, aber nicht ganz und gar dumm, lassen die sich von den Briefeschreibern für ihre Dienste bezahlen mittels geklebte Briefmarken.
Briefmarken gibt es in Hülle und Fülle. Je unbedeutender das Land, je größer und schöner die Marken. Und wenn sich irgendwo irgendetwas wichtiges manifestiert, (in Dafinsternistan ist ein Siebenling geboren) kommt die Landespost mit einer neuen Serie Briefmarken.
Es gibt jetzt zwei Fragen die um unsere Aufmerksamkeit bitten. Erstens: wer kontrolliert überhaupt ob wir die richtigen Briefmarken auf unseren Briefen kleben? Und zweitens: sind wir verpflichtet ausschließlich die von der Landes- und Bundespost zum Verkauf angebotenen Marken zu kleben?
Die Antworten - alle strengstens geheim! - sind folgende. Erstens: Nein, kontrolliert wird nicht und wenn, denn selten und stichprobenweise. Zweitens: ja, verpflichtet schon, aber wir schaffen für uns selber eine kreative Ausnahme.
Hier unten sehen Sie einen Briefumschlag den ich vor einiger Zeit erhielt. (Der Inhalt tut nicht zur Sache, es geht um die Verpackung.) Namen und Adresse des Adressierten sind aus privatrechtlichen Gründen der privacy von mir abgeklebt worden. Sie können ruhig annehmen daß der Brief an mich gerichtet war. Ein Brief (Luftpost) aus Oman offenbar, das sehen wir der Briefmarke ab. Aber von einem Poststempel versehen in einer holländischen Kleinstadt! So geht’s also auch. Mann klebt eine fremd-orientalische Marke auf einem Brief, oder man entwirft selbst eine.
Ganz unter uns: der Verfasser und Absender dieses Briefes hat mit einigen Freunden schon Jahre eine Wette laufen, wer die schönsten falschen Briefmarken entwirft oder klebt ohne daß die Post es merkt!
Briefmarken können auch ruhig zwei mal verwendet werden. Vor Jahren erhielten Sie möglicherweise einen Brief aus der DDR. Jetzt, anno 2011, kleben Sie die alte Marke auf einem neuen Brief. Die Post wird es Ihnen danken und nichts davon merken.
Selbstverständlich ist das Kleben van falschen Marken strafbar und strengstens von der Hand zu weisen. Mein lieber Briefeschreiber hat mir versichert, daß er so etwas nur einige Male im Jahr tut, als Spaß an der Freud. Sonst frankiert er seine Briefe sorgfältig mit den davor vorgesehenen Marken mit dem verabredeten Wert. Denn wir wollen doch bitte nicht den Postleuten das Brot aus dem Munde stoßen.
Lasset uns nicht mehr davon reden. Es gibt das Briefgeheimnis, es gibt auch das Briefmarkengeheimnis. Wir wollen es weiterhin hüten.
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Mittwoch, 21. Dezember 2011
138 - Bagatelle ohne (viel) Worte
terra40, 12:08h

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Samstag, 17. Dezember 2011
Bagatelle 137 - Stückwerk
terra40, 16:38h
Wie es bei Ihnen zugeht, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber hier bei uns ist es Gewohnheit, daß eine Person, die um Eintritt in die Reihen der Promovierten bittet, das tut mittels des Schreibens einer Dissertation. Es hat mit der Qualität der Doktorarbeit nichts zu tun, aber es wird allgemein begrüßt, wenn der Dissertation ein Blatt beigefügt wird mit einigen Thesen. Prägnante, aussagekräftige und, wenn's denn so paßt, spitze und humorvolle Behauptungen welche zum Teil schon, aber nicht unbedingt álle, auf das wirkliche Thema Bezug haben. Ein Arzt, der am nächsten Tag Herr Doktor Franz Weißnicht heißt, kann uns ruhig auch eine These über die unseligen Folgen des Zölibats präsentieren. (Die Prüfungskommission achtet sehr darauf, daß keine These abgeschrieben oder kopiert wird, denn dás ist wirklich eine Todsünde.)
Unlängst promovierte an der Technischen Universität in Raunen an der Luhre der von mir sehr geschätzte Herr Paul Tangram. Das Thema tut hier nicht zur Sache; der Inhalt des 224 Seiten umfassenden Werkes war jedenfalls für Nicht-Eingeweihte völlig unverständlich. (Und das ist, wie Sie wissen, für nicht wenige ein Qualitätsmerkmal.) Sehr begrüßt, und mit einem summa cum laude bedacht, wurde die Idee die beigefügten Thesen von Illustrationen zu versehen, die dem Namen des Promovendus große Ehre machten. Ein guter Grund sie Ihnen hier vorzustellen.
These 1. Die Bank, der es nicht gelingt alle sieben Teile eines Tangrams in ihrem Logo zu verwenden, sollte man sofort meiden.

These 2. Es ist überhaupt nicht von Interesse, ob ein Beitrag in bloggen.de inhaltlich etwas vorstellt. Viel wichtiger ist, daß er virtuos und originell zusammengestellt worden ist.
These 3. So lange ein Kopftuch auch als Brillenputzmittel verwendet werden kann, gibt es keinen Grund sich aufzuregen.
These 4. Heutzutage bleiben viele Verbrechen ungelöst. Das hat man davon, wenn Kriminalinspektoren zuviel Tatort sehen und in ihrer Jugend nicht gelernt haben wie man ein Puzzle legt.
These 5. Auch ein Minister-Präsident sollte das Recht haben hin und wieder einen Minister passend zu bestrafen.
These 6. Mein Name ist Hase, sagte Terra, und schrieb eine neue Bagatelle.
These 7. Nur geborgen in seinem Versteck ist das Ganze mehr als die Summe der absonderlichen Teile.

Unlängst promovierte an der Technischen Universität in Raunen an der Luhre der von mir sehr geschätzte Herr Paul Tangram. Das Thema tut hier nicht zur Sache; der Inhalt des 224 Seiten umfassenden Werkes war jedenfalls für Nicht-Eingeweihte völlig unverständlich. (Und das ist, wie Sie wissen, für nicht wenige ein Qualitätsmerkmal.) Sehr begrüßt, und mit einem summa cum laude bedacht, wurde die Idee die beigefügten Thesen von Illustrationen zu versehen, die dem Namen des Promovendus große Ehre machten. Ein guter Grund sie Ihnen hier vorzustellen.
These 1. Die Bank, der es nicht gelingt alle sieben Teile eines Tangrams in ihrem Logo zu verwenden, sollte man sofort meiden.

These 2. Es ist überhaupt nicht von Interesse, ob ein Beitrag in bloggen.de inhaltlich etwas vorstellt. Viel wichtiger ist, daß er virtuos und originell zusammengestellt worden ist.
These 3. So lange ein Kopftuch auch als Brillenputzmittel verwendet werden kann, gibt es keinen Grund sich aufzuregen.
These 4. Heutzutage bleiben viele Verbrechen ungelöst. Das hat man davon, wenn Kriminalinspektoren zuviel Tatort sehen und in ihrer Jugend nicht gelernt haben wie man ein Puzzle legt.
These 5. Auch ein Minister-Präsident sollte das Recht haben hin und wieder einen Minister passend zu bestrafen.
These 6. Mein Name ist Hase, sagte Terra, und schrieb eine neue Bagatelle.
These 7. Nur geborgen in seinem Versteck ist das Ganze mehr als die Summe der absonderlichen Teile.

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Freitag, 9. Dezember 2011
Bagatelle 136 - Katastrophal
terra40, 20:08h
Manchmal gibt es das. Man liegt im Bett, schläft den Schlaf des Gerechten, träumt, denkt unabsichtlich an etwas sehr schlimmes, und sofort ist eine leichte Panik da. Heute Nacht war's wieder so weit. Meine Gattin, badend im Angstschweiß, stößt mich und fragt: "Falls nun plötzlich ein Feuer ausbricht, weißt du was du unbedingt zuerst, danach und zuletzt tun mußt?" Leicht irritiert, weil ich selber nicht schlafen konnte, erwidere ich mit: "Na bitte schön, dieses Problem lösen wir morgen früh am ersten, so gut?"
Was Sie hierunter sehen, ist ein Foto aus meiner Heutemorgenzeitung. Wir sehen einen zweigeteilten Zug an einem halbgeschossenen Bahnschranke mit davor eine Hauptstraße. Hinten Häuser, eine Fabrik und, wenn Sie genau hinschauen, hinter den Bäumen, ein Fluß. Auf der Hauptstraße kreuz und quer stehende pkw's und ein Feuerlöschwagen. An dem Bahnübergang ein rotes Auto das offenbar, lavierend zwischen den Schlagbäumen, mit einem der zwei Züge kollidiert ist. Einige Meter vor dem Löschzug stehen die Feuerwehrsleute und sonstigen Helfer und beraten wie sie fortfahren.
Sie haben recht: irgendwas an diesem Foto stimmt nicht. Das Bild ist unwirklich friedlich. Das Bild gibt uns nicht den Hauch oder die Idee eines schlimmen Unfalls. Es ist auch kein tatsächliches Unglück was passiert: es ist ein Katastrophenübungsplatz was wir hier sehen. Das Blut ist Tinte, die Wunde wird angedeutet, getäuscht und aus Fensterkitt hergestellt, der Unfallverletzte ist ein gemieteter Schauspieler, Zug und pkw sind geordnet ungeordnet dahingestellt. So ähnlich sieht ein schrecklicher Unfall aus. Die Katastrophenbekämpfer proben den Ernstfall. Sie tun das mit einem Katastrophenbekämpfungsplan oder etwas ähnlichem.
"Vorsorgen" ist ein schönes Verb; noch schöner als das offizielle "Vorsorge treffen". Du willst eine schreckliche Situation Herr bleiben und wenn möglich vorbeugen, und darum ist es klug und weise darüber nachzudenken, welche Situationen bedrohend sein können und wie man sich darauf adäquat vorbereitet. In meiner Jugend hockten Vater, Mutter und wir, die Kinder, zusammen in einem Raum mit geschlossenen Fenstern, wenn es denn donnerte und blitzte. Es könnte ja einschlagen. Darum hatte meine Mutter immer einen kleinen Koffer dabei, worin sich unter anderem etwas Geld, die Feuerversicherungspolice, die Pässe, plus einige ihrer Kronjuwelen befanden.
Fast immer wirst du unerwartet und unvorbereitet von einer Katastrophe getroffen. Es gibt zwar die Fernsehwarnung, aber du denkst: so schlimm wird's wohl nicht kommen. Oder: vielleicht passiert es in Ost-Brandenburg oder in Raunen an der Luhre, aber nicht bei uns. So betrügt man gewissermaßen sich selber.
Zwei Gedanken streiten um Vorfahrt. Der erste Gedanke ist, daß es weise und klug ist Vorsorge zu treffen gegen Unglücksfälle die jeden treffen können. Eine Unfallsversicherung ist keine schlechte Idee partout. Die redliche Stimme in mir sagt, daß es weise ist vorher nachzudenken über mögliche Kalamitäten. Jedes vernünftig denkendes Altersheim hat einen Katastrophenplan im Falle einer notwendigen Evakuation der Bewohner. Die andere Stimme in meiner Brust behauptet, daß es in meinem persönlichen Falle unmöglich ist ein kluges Katastrophenplan aufzustellen. Ich kenne mich: wenn tatsächlich Not an Mann kommt, vergesse ich den Plan und tue das, was mir mein Herz zu tun rät.
Noch etwas kommt dazu. Manchmal denke ich, daß das Aufstellen eines Katastrophenplanes das Unglück gerade herbei lockt. Götterversuchung, so etwas. Ob der Teufel im Spiel ist. Hast du gerade ein Szenario fertig für den Fall, das dir beim Fleischbraten die Flamme in die Pfanne schlägt, geschieht dies am nächsten Tag. Ohne Pfannenbrandszenario inklusive Katastrophenplan wäre überhaupt nichts passiert, glaub' ich zu wissen. Und wenn die städtische Straßenbahn nach viel palavern und hin und her überlegen ein neues Katastrophenplan ausgedacht hat, geschieht ein Unfall, wobei man nachher feststellt, daß an einiges wichtiges nicht gedacht worden ist. Ungewollt natürlich, aber dennoch.
Den nächsten Morgen fragt mich meine Frau: "Nun, woran denkst du zuerst, wenn hier im Hause unverhofft ein Brand ausbricht?" Ich erwidere: "An nichts, denn seit keiner hier im Haus mehr raucht, ist die mathematische Chance daß ein Feuer ausbricht, gleich null." "Gut," sagt sie, "ich weiß es. Zuerst müssen die Fotoalben gerettet werden." "Oké," beschließen wir, "somit ist nun Punkt Eins der Tagesordnung erledigt. Wer von uns beiden die Alben rettet, sehen wir wenn 's dann so weit ist."

Was Sie hierunter sehen, ist ein Foto aus meiner Heutemorgenzeitung. Wir sehen einen zweigeteilten Zug an einem halbgeschossenen Bahnschranke mit davor eine Hauptstraße. Hinten Häuser, eine Fabrik und, wenn Sie genau hinschauen, hinter den Bäumen, ein Fluß. Auf der Hauptstraße kreuz und quer stehende pkw's und ein Feuerlöschwagen. An dem Bahnübergang ein rotes Auto das offenbar, lavierend zwischen den Schlagbäumen, mit einem der zwei Züge kollidiert ist. Einige Meter vor dem Löschzug stehen die Feuerwehrsleute und sonstigen Helfer und beraten wie sie fortfahren.
Sie haben recht: irgendwas an diesem Foto stimmt nicht. Das Bild ist unwirklich friedlich. Das Bild gibt uns nicht den Hauch oder die Idee eines schlimmen Unfalls. Es ist auch kein tatsächliches Unglück was passiert: es ist ein Katastrophenübungsplatz was wir hier sehen. Das Blut ist Tinte, die Wunde wird angedeutet, getäuscht und aus Fensterkitt hergestellt, der Unfallverletzte ist ein gemieteter Schauspieler, Zug und pkw sind geordnet ungeordnet dahingestellt. So ähnlich sieht ein schrecklicher Unfall aus. Die Katastrophenbekämpfer proben den Ernstfall. Sie tun das mit einem Katastrophenbekämpfungsplan oder etwas ähnlichem.
"Vorsorgen" ist ein schönes Verb; noch schöner als das offizielle "Vorsorge treffen". Du willst eine schreckliche Situation Herr bleiben und wenn möglich vorbeugen, und darum ist es klug und weise darüber nachzudenken, welche Situationen bedrohend sein können und wie man sich darauf adäquat vorbereitet. In meiner Jugend hockten Vater, Mutter und wir, die Kinder, zusammen in einem Raum mit geschlossenen Fenstern, wenn es denn donnerte und blitzte. Es könnte ja einschlagen. Darum hatte meine Mutter immer einen kleinen Koffer dabei, worin sich unter anderem etwas Geld, die Feuerversicherungspolice, die Pässe, plus einige ihrer Kronjuwelen befanden.
Fast immer wirst du unerwartet und unvorbereitet von einer Katastrophe getroffen. Es gibt zwar die Fernsehwarnung, aber du denkst: so schlimm wird's wohl nicht kommen. Oder: vielleicht passiert es in Ost-Brandenburg oder in Raunen an der Luhre, aber nicht bei uns. So betrügt man gewissermaßen sich selber.
Zwei Gedanken streiten um Vorfahrt. Der erste Gedanke ist, daß es weise und klug ist Vorsorge zu treffen gegen Unglücksfälle die jeden treffen können. Eine Unfallsversicherung ist keine schlechte Idee partout. Die redliche Stimme in mir sagt, daß es weise ist vorher nachzudenken über mögliche Kalamitäten. Jedes vernünftig denkendes Altersheim hat einen Katastrophenplan im Falle einer notwendigen Evakuation der Bewohner. Die andere Stimme in meiner Brust behauptet, daß es in meinem persönlichen Falle unmöglich ist ein kluges Katastrophenplan aufzustellen. Ich kenne mich: wenn tatsächlich Not an Mann kommt, vergesse ich den Plan und tue das, was mir mein Herz zu tun rät.
Noch etwas kommt dazu. Manchmal denke ich, daß das Aufstellen eines Katastrophenplanes das Unglück gerade herbei lockt. Götterversuchung, so etwas. Ob der Teufel im Spiel ist. Hast du gerade ein Szenario fertig für den Fall, das dir beim Fleischbraten die Flamme in die Pfanne schlägt, geschieht dies am nächsten Tag. Ohne Pfannenbrandszenario inklusive Katastrophenplan wäre überhaupt nichts passiert, glaub' ich zu wissen. Und wenn die städtische Straßenbahn nach viel palavern und hin und her überlegen ein neues Katastrophenplan ausgedacht hat, geschieht ein Unfall, wobei man nachher feststellt, daß an einiges wichtiges nicht gedacht worden ist. Ungewollt natürlich, aber dennoch.
Den nächsten Morgen fragt mich meine Frau: "Nun, woran denkst du zuerst, wenn hier im Hause unverhofft ein Brand ausbricht?" Ich erwidere: "An nichts, denn seit keiner hier im Haus mehr raucht, ist die mathematische Chance daß ein Feuer ausbricht, gleich null." "Gut," sagt sie, "ich weiß es. Zuerst müssen die Fotoalben gerettet werden." "Oké," beschließen wir, "somit ist nun Punkt Eins der Tagesordnung erledigt. Wer von uns beiden die Alben rettet, sehen wir wenn 's dann so weit ist."

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Samstag, 3. Dezember 2011
Bagatelle 135 - Heiliger Niklaas
terra40, 21:52h
Den heiligen Nicolaus kennen wir schon seit unserer frühesten Kindheit, eigentlich von Geburt an. Offiziell: Sankt Nicolaus, Bischof von Myra. Das scheint irgendwo in der Türkei zu liegen, aber uns, kleinen Kindern, wurde immer vorgehalten, daß er aus Spanien kam. Am 6. Dezember ist sein Heiligentag, aber viel wichtiger ist der Abend vorher: Sankt Nicolausabend. Bei uns: Sinterklaasavond. Oder 'pakjesavond', weil an diesem Abend die Geschenke (pakjes) ausgetauscht werden.
So weit so gut. Sie in Deutschland kennen den alten Herrn natürlich auch. Bei ihnen heißt er schlicht Nicolaus. Er wird von einem Knecht begleitet der sich Ruprecht nennen läßt. Bei uns liegt die Sache etwas komplizierter.
Um 1820 schrieb ein Amsterdamer Schulmeister ein moralistisches Kinderbüchlein, worin er erzählte von einem Bischof welcher ein Mal pro Jahr per Dampfschiff nach Holland reiste und einige Tage vor seinem Heiligentag dort ankam. Begleitet von einem, aber meist mehreren Helfern (Zwarte Pieten - Schwarzer Peter). Dort arriviert, ritt er abends auf seinem Schimmel über den Dächern und überall wo unter den Schornsteinen liebe und fleißige Kinder wohnten, warf sein Knecht Pieter Geschenke nach unten. (Daher blieb der Kamin an diesem Abend kalt und dunkel.) Meistens hatten die dort unten wohnhaften Kinder schon Tage vorher einen Schuh (ledernen oder hölzern) am Kamin gestellt worin für Nicolaus sein Pferd eine Karotte und ein bißchen Heu.
Auf den hohen, hohen Dächern
reitet Sankt Nikolaus mit seinem Knecht.
Wollt ihr wissen, liebe Kinder,
was er zu seinem Knechte sagt?
- Schau mal eben, bester Piet,
ob du unartige Kinder siehst!
So sangen und singen die Kinder.
Der heilige Nicolaus hatte eine Vorliebe für ziemlich reiche und wohlhabende Leute, denn dort ging er auch zur Türe hinein. Bei den ärmeren lief er ums Haus, schlug mit einer eisernen Kette gegen die Mauer und in die Luft umher, nur um zu zeigen daß er da war. In den Zimmern unterdessen herrschte leichte Angst und Furcht. Denn der Sankt Nicolaus hatte ein Buch bei sich, worin alle Kinder mit Name und Zuname aufgeführt waren, zusammen mit allen großen und kleinen im vergangenem Jahr begangenen Sünden. Kindern, welche sehr unartig gewesen sein sollen, wurden mit einer Rute gedroht. Die allerschlimmsten, so war allgemein bekannt, mußten in einem Sack zusammen mit den Gästen die Zurückreise nach Spanien antreten. (Und dort, sagten die gemeinsten Eltern, drohte ein Sklavendasein.) Wie groß dann die Erleichterung: nach einer kleinen Buße bekam man nebst Vergebung die so sehr gewünschten Geschenke.
In den Häusern wo der Nikolaus nicht kam (keine Zeit, Sie wissen), konnten die Kinder die Geschenke am Morgen des 6. Dezember in ihren Schuhen begrüßen. Wahrscheinlich in einem Tausch mit dem Heu und der Karotte für den Schimmel.
Heutzutage wird in meinem Lande das Sankt Nikolausfest überall wie vorher gefeiert. Zwar schwer kommerzialisiert wie alles im Leben, aber dennoch. Der heilige Mann aus Spanien landet immer noch mit seinem Dampfer in einen niederländischen Hafen. Die Helfer sind immer noch schwarz, was jedes mal Anlaß zu Leserbriefen gibt von Leuten die einem ein unschuldiges Kinderfest mißgönnen, worin auf angeblich vorhandenen diskriminierenden Zügen hingewiesen wird.
Noch immer wird mit Sack und Rute gedroht. Und noch immer braucht keiner Angst zu haben wirklich nach Spanien verschleppt zu werden. Denn es ist ja in den hunderten Jahren wo das Fest nun schon gefeiert wird, noch nie vorgekommen. Noch immer wird der Sankt Nicolaus und seinen schwarzen 'Pietermannen' am Hafen zugesungen und zugewunken.
Erwachsene geben einander im Namen von Sankt Nicolaus kleine, liebe Geschenke. (Ich schreibe meiner Gattin eine Bagatelle und schenke ihr einen Kalender mit selbstgemachten Fotos: wie originell!) Wenn möglich werden die Geschenke von einem Gedicht begleitet. Oft ein krummes Vers das immerhin Liebe und Zuneigung vermitteln soll.
Zum Schluß erzähl ich Ihnen von einer Panne. Jedes Jahr geschieht so etwas. Der Gutheiligmann landete dieses Jahr schon am 12. November in der alten Stadt Dordrecht. (So hatte der Mittelstand Gelegenheit sich werblich und gewerblich auf den Käufersturm vorzubereiten.) Am Kai bestieg er seinen Schimmel und ritt die fröhliche Kinderschar mit den ebenso begeisterten Eltern entlang. Schade war, daß er seinen Bischofshut verkehrt rum auf hatte. Ein guter Beobachter - ein alter Katholik sicherlich - am Fernseher meldete sich telefonisch um auf den Fehler aufmerksam zu machen. So sieht man, wie die kirchlichen Kenntnisse und Sitten allmählich verschwinden. Aber der Nicolaus bleibt für ewig.
So weit so gut. Sie in Deutschland kennen den alten Herrn natürlich auch. Bei ihnen heißt er schlicht Nicolaus. Er wird von einem Knecht begleitet der sich Ruprecht nennen läßt. Bei uns liegt die Sache etwas komplizierter.
Um 1820 schrieb ein Amsterdamer Schulmeister ein moralistisches Kinderbüchlein, worin er erzählte von einem Bischof welcher ein Mal pro Jahr per Dampfschiff nach Holland reiste und einige Tage vor seinem Heiligentag dort ankam. Begleitet von einem, aber meist mehreren Helfern (Zwarte Pieten - Schwarzer Peter). Dort arriviert, ritt er abends auf seinem Schimmel über den Dächern und überall wo unter den Schornsteinen liebe und fleißige Kinder wohnten, warf sein Knecht Pieter Geschenke nach unten. (Daher blieb der Kamin an diesem Abend kalt und dunkel.) Meistens hatten die dort unten wohnhaften Kinder schon Tage vorher einen Schuh (ledernen oder hölzern) am Kamin gestellt worin für Nicolaus sein Pferd eine Karotte und ein bißchen Heu.
Auf den hohen, hohen Dächern
reitet Sankt Nikolaus mit seinem Knecht.
Wollt ihr wissen, liebe Kinder,
was er zu seinem Knechte sagt?
- Schau mal eben, bester Piet,
ob du unartige Kinder siehst!
So sangen und singen die Kinder.
Der heilige Nicolaus hatte eine Vorliebe für ziemlich reiche und wohlhabende Leute, denn dort ging er auch zur Türe hinein. Bei den ärmeren lief er ums Haus, schlug mit einer eisernen Kette gegen die Mauer und in die Luft umher, nur um zu zeigen daß er da war. In den Zimmern unterdessen herrschte leichte Angst und Furcht. Denn der Sankt Nicolaus hatte ein Buch bei sich, worin alle Kinder mit Name und Zuname aufgeführt waren, zusammen mit allen großen und kleinen im vergangenem Jahr begangenen Sünden. Kindern, welche sehr unartig gewesen sein sollen, wurden mit einer Rute gedroht. Die allerschlimmsten, so war allgemein bekannt, mußten in einem Sack zusammen mit den Gästen die Zurückreise nach Spanien antreten. (Und dort, sagten die gemeinsten Eltern, drohte ein Sklavendasein.) Wie groß dann die Erleichterung: nach einer kleinen Buße bekam man nebst Vergebung die so sehr gewünschten Geschenke.
In den Häusern wo der Nikolaus nicht kam (keine Zeit, Sie wissen), konnten die Kinder die Geschenke am Morgen des 6. Dezember in ihren Schuhen begrüßen. Wahrscheinlich in einem Tausch mit dem Heu und der Karotte für den Schimmel.
Heutzutage wird in meinem Lande das Sankt Nikolausfest überall wie vorher gefeiert. Zwar schwer kommerzialisiert wie alles im Leben, aber dennoch. Der heilige Mann aus Spanien landet immer noch mit seinem Dampfer in einen niederländischen Hafen. Die Helfer sind immer noch schwarz, was jedes mal Anlaß zu Leserbriefen gibt von Leuten die einem ein unschuldiges Kinderfest mißgönnen, worin auf angeblich vorhandenen diskriminierenden Zügen hingewiesen wird.
Noch immer wird mit Sack und Rute gedroht. Und noch immer braucht keiner Angst zu haben wirklich nach Spanien verschleppt zu werden. Denn es ist ja in den hunderten Jahren wo das Fest nun schon gefeiert wird, noch nie vorgekommen. Noch immer wird der Sankt Nicolaus und seinen schwarzen 'Pietermannen' am Hafen zugesungen und zugewunken.
Erwachsene geben einander im Namen von Sankt Nicolaus kleine, liebe Geschenke. (Ich schreibe meiner Gattin eine Bagatelle und schenke ihr einen Kalender mit selbstgemachten Fotos: wie originell!) Wenn möglich werden die Geschenke von einem Gedicht begleitet. Oft ein krummes Vers das immerhin Liebe und Zuneigung vermitteln soll.
Zum Schluß erzähl ich Ihnen von einer Panne. Jedes Jahr geschieht so etwas. Der Gutheiligmann landete dieses Jahr schon am 12. November in der alten Stadt Dordrecht. (So hatte der Mittelstand Gelegenheit sich werblich und gewerblich auf den Käufersturm vorzubereiten.) Am Kai bestieg er seinen Schimmel und ritt die fröhliche Kinderschar mit den ebenso begeisterten Eltern entlang. Schade war, daß er seinen Bischofshut verkehrt rum auf hatte. Ein guter Beobachter - ein alter Katholik sicherlich - am Fernseher meldete sich telefonisch um auf den Fehler aufmerksam zu machen. So sieht man, wie die kirchlichen Kenntnisse und Sitten allmählich verschwinden. Aber der Nicolaus bleibt für ewig.
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Sonntag, 27. November 2011
Bagatelle 134 - Selbstbild
terra40, 13:11h
Innerhalb der Skala an genres in der klassischen Malerei nimmt das Selbstporträt eine besondere Stelle ein. Wir sehen - nur ein Beispiel aus hunderten - den jungen Rembrandt van Rijn aus Leiden, der sich auf den Weg macht nach Amsterdam um dort die Welt zu erobern. Bevor er das tut, schaut er in den Spiegel und malt virtuos seine wilden Haarlocken. Jahre später sieht er was von ihm geworden ist: berühmt, anerkannt, aber auch einsam, müde und umgeben von materiellen Sorgen. Seine späteren Selbstbilder sind dunkel und düster. Seine Augen dennoch vergessen Sie nie wenn Sie die einmal gesehen haben.
Man kann natürlich auch ein Bild von sich selbst anfertigen, indem man sich fotografiert. Am besten mit einer Kamera, einem Stativ und dem Selbstauslöser. Man schätzt die Zeit die notwendig ist um sich richtig und vornehm vor die Kamera zu postieren, drückt auf dem Aufnahmeknopf, eilt zur vorab abgemachten Stelle, nimmt seine Sonntagspose ein, und in wenigen Sekunden ist die Sache gelaufen, manchmal begleitet von wenig Donner und viel Blitz.
Nein, selber mag ich das nicht, diese Selbstbildfotografie, diese - auch wenn Sie das nicht wahr haben wollen - innere Selbstverherrlichung. Überhaupt habe ich es nicht gerne, wenn man mich fotografiert. Wenn schon, dann irgendwo am Rande oder inmitten einer tausendfachen Menge wo niemand mich findet.
Bitte, betrachten Sie das Bild hier unten und sagen Sie mir was Sie sehen. (Schaut hin, sagte der Philosoph, man sieht nicht was man sieht!)
Die menschliche Figur, in einem dezenten schwarz, bin ich. An der rechten Seite ist die Silhouette eines Baumes zu entdecken. Das hier ist ein Selbstbildnis. Wieso ein Selbstbild?
Die Sache ist die. Ich wandere, wie so oft, durch die Auen und Wälder in der Umgebung. Die Kamera ist immer dabei. Ich gehe einen ziemlich breiten Graben entlang. An dieser Seite befindet sich ein Waldgebiet, andersrum sieht man Weiden und Äcker. Im Wald an dieser meiner Seite steht eine Eiche samt Hochsitz. Zu dieser Sitzfläche führt eine eiserne Leiter, gegen die Eiche angelehnt. Auf dem Bild sehen Sie die Hochsitzgelegenheit so etwa rechts neben meinem schwarzen Kopf.
Jetzt kommt sie. Die Lösung des Rätsels. Ich steige auf der eisernen Leiter empor in Richtung Hochsitz. Auf der fünften Stufe bleib ich stehen. Mein linkes Bein schwingt fröhlich nach links, mein rechtes findet festen Fuß auf der Stufe. Aus dem komischen Stand meiner Arme kann man vermuten (und für wahr annehmen), daß ich die Kamera vor meinen Augen halte. Die niedrig stehende Novembersonne scheint mir gerade im Rücken, wodurch der Schatten meiner Person sichtbar wird auf dem Boden an der anderen Seite des Grabens. Ich fotografiere nicht mich selber, ich fotografiere meinen Schatten! In der Tat, das hier ist ein schattiges Selbstbild.
Sehen Sie, so einfach und doch so überzeugend ausdrucksvoll kann ein Selbstporträt sein. Man muß es nur sehen.
Nachschrift: das Nennen und Verwenden einer Leiter eines Hochsitzes bedeutet nun nicht daß ich mit der Jagd etwas am Hut habe. Die Jagd wird für mich nur dann, sportlich gesehen, interessant wenn man dem Hasen auch ein Gewehr gibt.
Man kann natürlich auch ein Bild von sich selbst anfertigen, indem man sich fotografiert. Am besten mit einer Kamera, einem Stativ und dem Selbstauslöser. Man schätzt die Zeit die notwendig ist um sich richtig und vornehm vor die Kamera zu postieren, drückt auf dem Aufnahmeknopf, eilt zur vorab abgemachten Stelle, nimmt seine Sonntagspose ein, und in wenigen Sekunden ist die Sache gelaufen, manchmal begleitet von wenig Donner und viel Blitz.
Nein, selber mag ich das nicht, diese Selbstbildfotografie, diese - auch wenn Sie das nicht wahr haben wollen - innere Selbstverherrlichung. Überhaupt habe ich es nicht gerne, wenn man mich fotografiert. Wenn schon, dann irgendwo am Rande oder inmitten einer tausendfachen Menge wo niemand mich findet.
Bitte, betrachten Sie das Bild hier unten und sagen Sie mir was Sie sehen. (Schaut hin, sagte der Philosoph, man sieht nicht was man sieht!)
Die menschliche Figur, in einem dezenten schwarz, bin ich. An der rechten Seite ist die Silhouette eines Baumes zu entdecken. Das hier ist ein Selbstbildnis. Wieso ein Selbstbild?
Die Sache ist die. Ich wandere, wie so oft, durch die Auen und Wälder in der Umgebung. Die Kamera ist immer dabei. Ich gehe einen ziemlich breiten Graben entlang. An dieser Seite befindet sich ein Waldgebiet, andersrum sieht man Weiden und Äcker. Im Wald an dieser meiner Seite steht eine Eiche samt Hochsitz. Zu dieser Sitzfläche führt eine eiserne Leiter, gegen die Eiche angelehnt. Auf dem Bild sehen Sie die Hochsitzgelegenheit so etwa rechts neben meinem schwarzen Kopf.
Jetzt kommt sie. Die Lösung des Rätsels. Ich steige auf der eisernen Leiter empor in Richtung Hochsitz. Auf der fünften Stufe bleib ich stehen. Mein linkes Bein schwingt fröhlich nach links, mein rechtes findet festen Fuß auf der Stufe. Aus dem komischen Stand meiner Arme kann man vermuten (und für wahr annehmen), daß ich die Kamera vor meinen Augen halte. Die niedrig stehende Novembersonne scheint mir gerade im Rücken, wodurch der Schatten meiner Person sichtbar wird auf dem Boden an der anderen Seite des Grabens. Ich fotografiere nicht mich selber, ich fotografiere meinen Schatten! In der Tat, das hier ist ein schattiges Selbstbild.
Sehen Sie, so einfach und doch so überzeugend ausdrucksvoll kann ein Selbstporträt sein. Man muß es nur sehen.
Nachschrift: das Nennen und Verwenden einer Leiter eines Hochsitzes bedeutet nun nicht daß ich mit der Jagd etwas am Hut habe. Die Jagd wird für mich nur dann, sportlich gesehen, interessant wenn man dem Hasen auch ein Gewehr gibt.
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Sonntag, 20. November 2011
Bagatelle 133 - Altes Geld
terra40, 13:40h
Ach, wie schlecht steht es um des Menschen Gedächtnis! Sagen Sie bitte nicht, daß Sie sich nicht daran erinnern können, denn dann beweisen Sie mir wie recht ich habe. Wenn Sie ein gutes Gedächtnis vorweisen könnten, wüßten Sie genauestens an welchem Tag und in welchem Jahr Sie dem Euro zum ersten Mal begegnet sind.
Es ist genau zehn Jahre her. Damals, November 2001, an einem grauen vorweihnachtlichen Adventstag wurde uns der Euro vorgestellt. Ab dem 1. Januar 2002 Zahlungsmittel. Auf Anfrage schickte eine vom Minister eingestellte Währungskommission uns ein vorweihnachtliches Geschenk: eine, elegant in Papier und Plastik aufgehobene Geldserie, aus nicht weniger als acht (8) Münzen bestehend. Variierend vom kargen 1 Cent bis zum grandiosen 2-Euro-stück. Der Gesamtwert betrug deftige € 3.88; in der altmodischen holländischen Währung von damals: f. 8,55. Und die bekamen wir umsonst!
Das Ministerium teilte obendrein noch mit, daß auch neue Geldscheine von Stapel liefen. Scheine im Wert von 5 bis zu nicht weniger als 200 Euro. Mit äußerster Sorgfalt entworfen, gepreßt und gedruckt, so daß die Fälscher dringend geraten wurde eine andere Beschäftigung zu versuchen.
Heute, zehn Jahre später, ist der Euro in Not. Weil einige Länder in der Eurozone meinten álles auf Pump kaufen zu können, und ihre entstandene Schulden mit nicht vorhandenen Anleihen und sonstige Luftblasen (wie losen Goldbarren) zurückerstatten wollten, befindet sich heute der Euro in Not. In Nöten vielleicht schon, in Banknöten. Und es gibt schon geringe Ahnung habende Fachleute und sonstige Wirtschafsignoranten die laut um den Rückkehr der alten Währung rufen. Ich seh's vor mir: Italiener die für ein Brot die Summe von 17.500 Lire bezahlen, Belgier die für ein Pommes mit Mayo 54 und ein halber Belgischer Franken ausgeben und Briten die zwei Pfund und vier Schillinge für ihr Fish and Chips auf den Tisch legen. (Wie gescheit, daß die Engländer noch immer an ihrer alten Währung festgehalten haben. So sieht man wieder daß Trägheit sich auf die Dauer lohnt.)
Wie gut daß mein zugegeben kleiner Wirtschaftsverstand mir einige meiner alten Zahlungsmittel hat aufbewahren lassen. Ja, ich besitze sie noch: die grauen, bakterievollen, alten Münzen und die schmutzigen Scheine aus der Vor-Eurozeit. Im Februar 2002, einen Monat nach dem offiziellen Eintritt des Euro, startete das Finanzministerium eine Großaktion, wobei die Holländer aufgefordert wurden alle ihre Gulden und sonstige alten Zahlungsmittel für Euros umzutauschen. Schätzungsweise 93 Prozent der Niederländer hielten einige alte Münzen und Scheine für sich zurück. Sie wurden in einem Strumpf oder im Schrank zwischen der Bettwäsche aufbewahrt. Für den Notfall, sagten sie. Oder für die Ewigkeit.
Jawohl, wir sind gerüstet wenn der Gulden seine Rückkehr ankündigt. Besser noch: tief in unserem Herzen haben wir uns niemals definitiv von ihm verabschiedet. Er ist uns ans Herz gewachsen, so wie bei Ihnen die Mark und der Groschen. Aber so sind wir, die Holländer. Je älter sie werden, je dümmer.
Anderswo wird es nicht anders sein. Ich wette mit Ihnen, daß demnächst mehrere ewig gestrige, richtig vergangenheitssüchtige Deutsche sich darüber freuen, daß ihre Gehälter in Kürze wieder in Reichsmark ausgezahlt werden.

Es ist genau zehn Jahre her. Damals, November 2001, an einem grauen vorweihnachtlichen Adventstag wurde uns der Euro vorgestellt. Ab dem 1. Januar 2002 Zahlungsmittel. Auf Anfrage schickte eine vom Minister eingestellte Währungskommission uns ein vorweihnachtliches Geschenk: eine, elegant in Papier und Plastik aufgehobene Geldserie, aus nicht weniger als acht (8) Münzen bestehend. Variierend vom kargen 1 Cent bis zum grandiosen 2-Euro-stück. Der Gesamtwert betrug deftige € 3.88; in der altmodischen holländischen Währung von damals: f. 8,55. Und die bekamen wir umsonst!
Das Ministerium teilte obendrein noch mit, daß auch neue Geldscheine von Stapel liefen. Scheine im Wert von 5 bis zu nicht weniger als 200 Euro. Mit äußerster Sorgfalt entworfen, gepreßt und gedruckt, so daß die Fälscher dringend geraten wurde eine andere Beschäftigung zu versuchen.
Heute, zehn Jahre später, ist der Euro in Not. Weil einige Länder in der Eurozone meinten álles auf Pump kaufen zu können, und ihre entstandene Schulden mit nicht vorhandenen Anleihen und sonstige Luftblasen (wie losen Goldbarren) zurückerstatten wollten, befindet sich heute der Euro in Not. In Nöten vielleicht schon, in Banknöten. Und es gibt schon geringe Ahnung habende Fachleute und sonstige Wirtschafsignoranten die laut um den Rückkehr der alten Währung rufen. Ich seh's vor mir: Italiener die für ein Brot die Summe von 17.500 Lire bezahlen, Belgier die für ein Pommes mit Mayo 54 und ein halber Belgischer Franken ausgeben und Briten die zwei Pfund und vier Schillinge für ihr Fish and Chips auf den Tisch legen. (Wie gescheit, daß die Engländer noch immer an ihrer alten Währung festgehalten haben. So sieht man wieder daß Trägheit sich auf die Dauer lohnt.)
Wie gut daß mein zugegeben kleiner Wirtschaftsverstand mir einige meiner alten Zahlungsmittel hat aufbewahren lassen. Ja, ich besitze sie noch: die grauen, bakterievollen, alten Münzen und die schmutzigen Scheine aus der Vor-Eurozeit. Im Februar 2002, einen Monat nach dem offiziellen Eintritt des Euro, startete das Finanzministerium eine Großaktion, wobei die Holländer aufgefordert wurden alle ihre Gulden und sonstige alten Zahlungsmittel für Euros umzutauschen. Schätzungsweise 93 Prozent der Niederländer hielten einige alte Münzen und Scheine für sich zurück. Sie wurden in einem Strumpf oder im Schrank zwischen der Bettwäsche aufbewahrt. Für den Notfall, sagten sie. Oder für die Ewigkeit.
Jawohl, wir sind gerüstet wenn der Gulden seine Rückkehr ankündigt. Besser noch: tief in unserem Herzen haben wir uns niemals definitiv von ihm verabschiedet. Er ist uns ans Herz gewachsen, so wie bei Ihnen die Mark und der Groschen. Aber so sind wir, die Holländer. Je älter sie werden, je dümmer.
Anderswo wird es nicht anders sein. Ich wette mit Ihnen, daß demnächst mehrere ewig gestrige, richtig vergangenheitssüchtige Deutsche sich darüber freuen, daß ihre Gehälter in Kürze wieder in Reichsmark ausgezahlt werden.

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Sonntag, 13. November 2011
Bagatelle 132 - Faktisches Wissen
terra40, 21:37h
Wissen Sie was ein savant ist? Das ist jemand mit einem savant syndrom. Und das wiederum ist ein Mensch der eines (nicht einiges) unvorstellbar gut kann. Zum Beispiel ein Mitbürger, der nach nur einmal lesen die Kapittel 4 bis 7 von Marxens Kapital fehlerfrei aufsagen kann. Oder die Frau Elisabeth Höchstselten ( Kreis Wuppertal an der Lure) die nur maximal vier Sekunden braucht um uns eine korrekte Antwort zu geben auf die Frage: wieviel ist 34.786 mal 65.876?
Es gibt auch savants die wahnsinnig viele Fakten kennen. Die Kenntnisse haben über alles mögliche Subjekte und Sachgebiete: geschichtsträchtige Personen, Himmelskörper, Schmetterlinge und ihre Artverwandten, Fußballer aus den erste drei Jahren der Bundesliga, und sonstigen völlig nützlosen Wissensbereiche. In einigen der zahllosen für dumm verkaufenden Fernsehratespielen kann man sogar damit Millionär werden.
Nur wenig Menschen wissen alles zu wissende. Der erste war Gottfried W. Leibnitz. Der Mann wußte alles was damals (um 1700) Hand und Fuß, Rang und Namen hatte. Seine faktische Database, sozusagen, war mehr als voll. Zugegeben, es gab nicht so viel Kenntnisse, so viele Data, wie heute, aber dennoch. Der Herr Leibnitz hatte allen anderen Faktenwissern etwas sehr wichtiges voraus: er wußte nicht nur alles faktisches, er verstand auch die Relationen dazwischen.
Entschuldigung für diese etwas lange geratene Einleitung. Ich brauche die aber um Ihnen eine fantastische Geschichte erzählen zu können von meinem stoppelbärtigen, imaginären Freund Wassi. Offiziell Wassili Ibramovitch. Wohnhaft in Спасйбо, im Süden des Ural. Geologe von Haus aus. (Daß Sibirien große Gasvorkommen besitzt, wußte jeder. Wo aber präzise, hat Wassi für uns entdeckt.) In frühester Jugend lernte Wassi seine Fähigkeiten als savant kennen. Alle Fragen im Bereich der typischen Sachgebiete (Geographie, Physik, (Quantum)Mechanik, Biologie usw.) wußte er fehlerfrei zu beantworten. Auch die Sprachen hatten keine Geheimnisse. So konnte er die russische Nationalhymne, wenn gefragt, ausgezeichnet auf chinesisch singen. Sogar mit einem Kanton-Akzent.
Es hat mich auch nicht gewundert, daß Wassi vor fünf Jahren seinen Geologenhut an den Nagel hing und fortan durch die Lande zog mit seinem abendfüllenden Programm: Wassi: die Antwort auf alle Fragen! Nicht sehr originell, aber vielleicht darum Publikumsanziehend.
Wie sah solch ein Wassi-Abend aus? Was wurde dem hochverehrten Publikum geboten? Nun, die Veranstaltung fing meistens um 19.30 Uhr an. Ab 15.30 konnte man bei der Kasse auf Schrift gestellte Fragen einliefern. In einem geschlossenen und versiegelten Umschlag selbstverständlich. Faktische Fragen über alles denkbare. Aber nur Fragen die auf einer klaren, eindeutigen, faktischen Weise beantwortet werden konnten. Keine Meinungen, Mutmaßungen oder Vermutungen also. Auch wurden Fragen zur Wassis religiösen Überzeugungen und politischen Denkweisen zur Seite geschoben. Es galt ja: nur die Fakten zählen!
Wassis Frageabende wurden sehr gut besucht. Schon um 18 Uhr sah man die Leute anstehen um einen Platz vorne zu bekommen. Ab 19 Uhr wurde die Wartezeit gefüllt von dem speziell angeheuerten Balalaikaorchester "Schön Laut". Der Eintrittspreis betrug 7 Rubel und 65 Kopeken (inklusive Mehrwertsteuer). Man konnte auch den Portier um diesen Betrag bestechen, dann hatte man freien Zutritt.
Was, bitte, haben wir uns vorzustellen bei dem Inhalt und der Qualität der gestellten Fragen? Ich nenne Ihnen einige beispielhaften Beispiele.
- Wassili Ibramovitch, wie breit ist die Wolga am schmalsten? Die Antwort bitte in russischen Meilen und inches. Im voraus herzlichen Dank!
- Wie Sie wissen, lieber Wassili, haben alle Spinnen acht Füße. Es gibt aber eine mutierte und hinterbliebene russisch/burjattische Variante mit nur sieben Gliedmaßen. Was ist sein Gewicht (bitte zwei Ziffern hinter dem Komma) wenn es das Alter von sechs Monaten erreicht hat?
- Am 13. Oktober 1877 gab Pjotr Iljitsch Tsjaikowski hier in diesem Saal ein Konzert. Welche Flügelsaite brach als er beim Spielen des dritten Satzes der Beethovenschen Mondscheinsonate verwüstend zuschlug?
- Lieber Herr Ibramovitch, wieviel rote Pflastersteine liegen vor meinem Haus an der Biskayaprospekt Nr. 27 in einem Feld von sonst nur grauen Steinen?
Kommentar überfällig, natürlich. Augenscheinlich voller Selbstvertrauen und immer freundlich und höflich beantwortete Wassi diese Fragen. Ab und zu nahm er sich eine Bedenkzeit, aber niemals mehr als eine Minute. Übrigens waren die Fragen nach der Pause bedeutend schwieriger als am Anfang. In dieser Phase mußten auch einige Fragen wegen des Eindringens in die Intimsphäre zurückgestellt werden. Zum Beispiel eine Frage wie - … was ist der Name des Fräuleins mit dem mein Cousin, der Säufer Branko K., gestern Abend im Tivoli ein rendez-vous hatte?
Wassis Abende wurden so populär, daß schließlich sogar das Fernsehen ihn entdeckte. Seine Shows wurden life ausgestrahlt. Die Einschaltquoten bekamen unglaubliche Züge, auch wenn man weiß, daß sie wie alles in Rußland gefälscht waren. Der Gipfel war sein Eintritt in die Welt der Wetten. Anfangs nur bei den Londoner bookmakers, später auch in St. Petersburg konnte man Wetten abschließen. Die zentrale Frage war: wie und wann wird die Zeit kommen wo der Wassili Ibramovitch auf eine Frage keine Antwort hat?
Am Freitag vor drei Monaten war's dann so weit. Es geschah in Klein-Jekaterinenburg. Nichts besonderes geschah im Vorfeld. Dann aber kam die Frage aller Fragen, von einem freundlichen alten Herrn vorgetagen: - Lieber Wassili Ibramovitch, wie lautet der Familienname ihrer Schwiegermutter?
Später am Abend gab Wassi seinen Verlust zu. Er blieb die Antwort schuldig. Weil, so sagte er sich förmlich entschuldigend, mein ganzes Leben - ich brauchte viele Jahre dafür - habe ich alle Fakten über meine Schwiegermutter zu verdrängen versucht. Ich wußte: jetzt bin ich frei von ihr. Und gerade heute, an diesem Abend, ist das mein Schicksal.
Auch an diesem Abend wechselten Millionen von Rubeln ihre Besitzer. Manche Petersburger Neureiche sah man am nächsten Tag, wie sie den Bürgersteig bei der städtischen Oper mit Schaufel und Besen säuberten. Ja, so kann's gehen.
Mit Wassi ging es bergab. Seine Gesundheit verschlechterte zunehmend und in seinem Gedächtnis bildeten sich ungeahnte Lücken. Das Ende kam nicht ganz und gar unerwartet.
Nach seinem Ableben öffnete man sein Testament. Darin stand, daß er sein Hirn inklusive Gedächtnis dem Psychologiemuseum der Universität von Спасйбо vermacht habe. Dort können wir es jetzt bewundern. Wenn Sie gut hinschauen, können Sie die Fakten noch sehen. Auch die allerkleinsten. Sie befinden sich zwischen den Falten.

Es gibt auch savants die wahnsinnig viele Fakten kennen. Die Kenntnisse haben über alles mögliche Subjekte und Sachgebiete: geschichtsträchtige Personen, Himmelskörper, Schmetterlinge und ihre Artverwandten, Fußballer aus den erste drei Jahren der Bundesliga, und sonstigen völlig nützlosen Wissensbereiche. In einigen der zahllosen für dumm verkaufenden Fernsehratespielen kann man sogar damit Millionär werden.
Nur wenig Menschen wissen alles zu wissende. Der erste war Gottfried W. Leibnitz. Der Mann wußte alles was damals (um 1700) Hand und Fuß, Rang und Namen hatte. Seine faktische Database, sozusagen, war mehr als voll. Zugegeben, es gab nicht so viel Kenntnisse, so viele Data, wie heute, aber dennoch. Der Herr Leibnitz hatte allen anderen Faktenwissern etwas sehr wichtiges voraus: er wußte nicht nur alles faktisches, er verstand auch die Relationen dazwischen.
Entschuldigung für diese etwas lange geratene Einleitung. Ich brauche die aber um Ihnen eine fantastische Geschichte erzählen zu können von meinem stoppelbärtigen, imaginären Freund Wassi. Offiziell Wassili Ibramovitch. Wohnhaft in Спасйбо, im Süden des Ural. Geologe von Haus aus. (Daß Sibirien große Gasvorkommen besitzt, wußte jeder. Wo aber präzise, hat Wassi für uns entdeckt.) In frühester Jugend lernte Wassi seine Fähigkeiten als savant kennen. Alle Fragen im Bereich der typischen Sachgebiete (Geographie, Physik, (Quantum)Mechanik, Biologie usw.) wußte er fehlerfrei zu beantworten. Auch die Sprachen hatten keine Geheimnisse. So konnte er die russische Nationalhymne, wenn gefragt, ausgezeichnet auf chinesisch singen. Sogar mit einem Kanton-Akzent.
Es hat mich auch nicht gewundert, daß Wassi vor fünf Jahren seinen Geologenhut an den Nagel hing und fortan durch die Lande zog mit seinem abendfüllenden Programm: Wassi: die Antwort auf alle Fragen! Nicht sehr originell, aber vielleicht darum Publikumsanziehend.
Wie sah solch ein Wassi-Abend aus? Was wurde dem hochverehrten Publikum geboten? Nun, die Veranstaltung fing meistens um 19.30 Uhr an. Ab 15.30 konnte man bei der Kasse auf Schrift gestellte Fragen einliefern. In einem geschlossenen und versiegelten Umschlag selbstverständlich. Faktische Fragen über alles denkbare. Aber nur Fragen die auf einer klaren, eindeutigen, faktischen Weise beantwortet werden konnten. Keine Meinungen, Mutmaßungen oder Vermutungen also. Auch wurden Fragen zur Wassis religiösen Überzeugungen und politischen Denkweisen zur Seite geschoben. Es galt ja: nur die Fakten zählen!
Wassis Frageabende wurden sehr gut besucht. Schon um 18 Uhr sah man die Leute anstehen um einen Platz vorne zu bekommen. Ab 19 Uhr wurde die Wartezeit gefüllt von dem speziell angeheuerten Balalaikaorchester "Schön Laut". Der Eintrittspreis betrug 7 Rubel und 65 Kopeken (inklusive Mehrwertsteuer). Man konnte auch den Portier um diesen Betrag bestechen, dann hatte man freien Zutritt.
Was, bitte, haben wir uns vorzustellen bei dem Inhalt und der Qualität der gestellten Fragen? Ich nenne Ihnen einige beispielhaften Beispiele.
- Wassili Ibramovitch, wie breit ist die Wolga am schmalsten? Die Antwort bitte in russischen Meilen und inches. Im voraus herzlichen Dank!
- Wie Sie wissen, lieber Wassili, haben alle Spinnen acht Füße. Es gibt aber eine mutierte und hinterbliebene russisch/burjattische Variante mit nur sieben Gliedmaßen. Was ist sein Gewicht (bitte zwei Ziffern hinter dem Komma) wenn es das Alter von sechs Monaten erreicht hat?
- Am 13. Oktober 1877 gab Pjotr Iljitsch Tsjaikowski hier in diesem Saal ein Konzert. Welche Flügelsaite brach als er beim Spielen des dritten Satzes der Beethovenschen Mondscheinsonate verwüstend zuschlug?
- Lieber Herr Ibramovitch, wieviel rote Pflastersteine liegen vor meinem Haus an der Biskayaprospekt Nr. 27 in einem Feld von sonst nur grauen Steinen?
Kommentar überfällig, natürlich. Augenscheinlich voller Selbstvertrauen und immer freundlich und höflich beantwortete Wassi diese Fragen. Ab und zu nahm er sich eine Bedenkzeit, aber niemals mehr als eine Minute. Übrigens waren die Fragen nach der Pause bedeutend schwieriger als am Anfang. In dieser Phase mußten auch einige Fragen wegen des Eindringens in die Intimsphäre zurückgestellt werden. Zum Beispiel eine Frage wie - … was ist der Name des Fräuleins mit dem mein Cousin, der Säufer Branko K., gestern Abend im Tivoli ein rendez-vous hatte?
Wassis Abende wurden so populär, daß schließlich sogar das Fernsehen ihn entdeckte. Seine Shows wurden life ausgestrahlt. Die Einschaltquoten bekamen unglaubliche Züge, auch wenn man weiß, daß sie wie alles in Rußland gefälscht waren. Der Gipfel war sein Eintritt in die Welt der Wetten. Anfangs nur bei den Londoner bookmakers, später auch in St. Petersburg konnte man Wetten abschließen. Die zentrale Frage war: wie und wann wird die Zeit kommen wo der Wassili Ibramovitch auf eine Frage keine Antwort hat?
Am Freitag vor drei Monaten war's dann so weit. Es geschah in Klein-Jekaterinenburg. Nichts besonderes geschah im Vorfeld. Dann aber kam die Frage aller Fragen, von einem freundlichen alten Herrn vorgetagen: - Lieber Wassili Ibramovitch, wie lautet der Familienname ihrer Schwiegermutter?
Später am Abend gab Wassi seinen Verlust zu. Er blieb die Antwort schuldig. Weil, so sagte er sich förmlich entschuldigend, mein ganzes Leben - ich brauchte viele Jahre dafür - habe ich alle Fakten über meine Schwiegermutter zu verdrängen versucht. Ich wußte: jetzt bin ich frei von ihr. Und gerade heute, an diesem Abend, ist das mein Schicksal.
Auch an diesem Abend wechselten Millionen von Rubeln ihre Besitzer. Manche Petersburger Neureiche sah man am nächsten Tag, wie sie den Bürgersteig bei der städtischen Oper mit Schaufel und Besen säuberten. Ja, so kann's gehen.
Mit Wassi ging es bergab. Seine Gesundheit verschlechterte zunehmend und in seinem Gedächtnis bildeten sich ungeahnte Lücken. Das Ende kam nicht ganz und gar unerwartet.
Nach seinem Ableben öffnete man sein Testament. Darin stand, daß er sein Hirn inklusive Gedächtnis dem Psychologiemuseum der Universität von Спасйбо vermacht habe. Dort können wir es jetzt bewundern. Wenn Sie gut hinschauen, können Sie die Fakten noch sehen. Auch die allerkleinsten. Sie befinden sich zwischen den Falten.

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