Donnerstag, 20. Dezember 2012
Bagatelle 174 - Grün
Zufälligerweise - ach, was heißt hier denn 'zufällig', wenn Sie und ich wissen wie bedachtsam und bedacht der Zufall manchmal agiert - hörte ich kurz nach Mitternacht wie im WDR-3 ein Adventsfenster geöffnet und ein Weihnachtslied gesungen wurde. Es war das wohlbekannte und erhabene Lied 'O Tannenbaum'. Der Moderator erklärte, daß es - wie viele andere Kirchenlieder - ursprünglich ein ziemlich ordinäres Volkslied war. Der Tannenbaum wurde deshalb gepriesen, weil seine Nadeln das ganze Jahr hindurch grün gefärbt waren und er nicht dauernd seine Farbe wechselte. Sogar im Winter, wenn es zu schneien anfängt, höre die Tanne nicht auf zu 'grünen'. Diese Beharrlichkeit wurde - im Vergleich mit den launenhaften Tücken eines jungen Mädchens - gelobt. Nicht umsonst hieß es: wie grün sind deine Blätter. Daß die ursprüngliche Bedeutung verloren gegangen ist, und daß man später sang: wie schön sind deine Blätter, dafür kann die alte Tanne nichts.
Übrigens, die Farbe 'grün' spielt in mehreren deutschen Volksliedern eine bedeutende Rolle. So wie bei Schuberts unendlich Schönen Müllerin, wo der Liebhaber und Dichter abwechselnd die Farbe grün als 'lieb' bezeichnet und dann wieder als 'häßlich' und gar 'böse'. Sei es drum.

Schon als sehr kleiner Junge kannte ich das Lied. Das heißt: die Melodie. Und wir, die wir aufwuchsen in einem kleinen Dorf wo die deutsch-holländische Grenze quer hindurch verlief, sangen bei diesen hochmusikalischen Tönen den folgenden Text den ich für Sie kaum zu übersetzen brauche, so vermute ich.

O Dinxperlo, o Dinxperlo, (Name des Dorfes)
wat heb i-j mooie straoten! (schöne Straßen)
En a-j dan deur den Hellweg gaot,
dan scheur i-j ow de boks an 't prikkeldraod! (zerreißen; Hose; Stacheldraht)
O Dinxperlo, o Dinxperlo,
wat heb i-j mooie straoten!




So ein Text haftet, kann ich Ihnen sagen. Den vergißt man nie. Und daß die Möglichkeit, daß man sich die Hose wegen des Stacheldrahtes zerriß, tatsächlich bestand, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Selber bin ich - in den ersten Jahren nach dem Krieg - wohl mal durch ein Loch im Stacheldrahtzaun gekrochen um unseren Verwandten drüben eine Tüte richtiger Bohnenkaffee zu besorgen.

Lang ist's her. Fast so lange her wie die Zeit wo ein gewisser Lehrer Zarnack 1820 das frohe Lied von der immer grünen Tanne dichtete. (Die Melodie ist noch viel älter.) Aber nicht so lange daß ich nicht allen Bagatell-leserinnen und -Leser eine gute, frohe Weihnacht wünschen könnte. Das tue ich gerne und von Herzen mit einem Bild worauf Sie, wenn Sie gut schauen, im Hintergrund unseren kleinen, immer grünenden, Tannenbaum sehen.


... comment

 
Hab einen altbayrischen Text da heißt es...wie treu sind deine Blätter...

... link  

 
Die grüne Treue
Danke für Ihren Kommentar. In der Tat, 'treu' und 'grün' scheinen früher offenbar Synonyme gewesen zu sein.
Gruß, T.

... link  


... comment
 
Ein wunderschöner Beitrag und ein noch schöneres Bild mit einem ungewöhnlichen Adventskranz, der mir sehr gut gefällt.

Zum Wünschen eines schönen Weihnachtsfest ist es zu spät, aber ich wünsche Ihnen ein schönes Neues Jahr!

P.S.: mir fällt noch der Ausdruck "sich nicht grün sein" ein, gleichbedeutend mit "sich nicht mögen".

... link  

 
Wunschdenken
Für gute Wünsche ist es nie zu spät. Ich wünsche Ihnen und ihrem Umkreis ein glückliches und gesundes neues Jahr.
(Bei uns sagten sich die alten Leute zum Neujahrstag: viel Heil und Segen! Könnte man heute auch noch ruhig sagen, wenn nicht das Wort 'heil' uns immer noch nicht passt.)
Gruß, T.

... link  


... comment