Montag, 20. Februar 2017
Bagatelle 294 - Wappentiere und anderes Getue
Dann und wann entbrennt hierzulande ein Streit über unsrige Nationalhymne, das niederländische Volkslied. Mit Namen: het Wilhelmus. Uralt, entstanden um 1580. Das hat man davon wenn ein Dichter namens Marnix van Sint Aldegonde sich aufmacht ein Loblied zu schreiben in 15 Versen auf Willem von Nassau, genauso viele Verse wie sein Name an Buchstaben zählt. Sie wissen: dieser Willem war derjenige Fürstenprinz von der Dillenburg der die Holländer vom spanischen Joch befreit hat, damals im 80-jährigen Krieg. (Entschuldigung für diese schlecht komponierten und unnötig komplizierten drei Anfangssätze, aber sie standen schon aufs Papier bevor ich es bemerkt hatte.)

Die Nationalhymnegegner beklagen vor allem die Referenz an die deutsche Abstammung des Prinzen von Oranien. Wenn im ersten Vers gesungen wird: " .. bin ich von deutschem Blut …" scheiden sich die Geister. Ein Viertel der Bevölkerung möchte aus historischen Gründen die Verweisung auf die deutsche Herkunft des Prinzen stehen lassen, ein Viertel ist vehement dagegen und wünscht sich eine andere, sprich modernere, Hymne und der Rest ist schweigend. (Entweder sie wissen nicht was sie singen oder es lässt ihnen kalt.) Ich gehöre zum größten Teil der ersten Gruppe an, aber mehr aus praktischen als aus ideologisch geprägten prinzipiellen Gründen. (Gerade für uns Senioren ist es nicht leicht sich eine neue Nationalhymne zu merken, zumal wir alle mindestens zwei Verse aus der alten Hymne auswendig mitsingen können.)

Eigentlich wollte ich mit Ihnen nicht über de Nationalhymne sondern über ein anderes Nationalsymbol sprechen. Nein, nicht die Fahne (Rot, Weiß und Blau), ist gemeint und auch nicht die Nationalfarbe oranje. Wenn sich überhaupt einem Nationalsymbol kritischen Äußerungen gefallen lassen muss, ist es der niederländische Löwe. Wenn Sie mich fragen: ein ekelhaftes Tier. Dieser von der Gicht geplagte Vierfüßler mit hölzernem Säbelchen und nur sieben stumpfhaften Pfeilen. Seht wie er sich stellt in seiner unnachahmlicher Pose – en profil – mit der Zunge aus dem Maul und dem Schwanz für einen Moment nicht zwischen sondern oberhalb der gekrümmten Hinterbeine. Ein Tier das sich stützt auf eine französische Unterschrift. Und das will unser nationales Wappentier sein!

Aber es kann noch schlimmer kommen. Einige Länder nah und fern kennen statt Löwe den Adler als nationales Wappentier. Was ist zum Beispiel Polen ohne rotweiß-Adler? Habsburg und die Donaumonarchie hatten sogar einen Doppeladler. Zwei Köpfe: einer blickt links Richtung SPD und Linke, der andere schielt CDU/CSU-rechtsrheinisch. Dann doch lieber ein bescheidener Vogel. Warum nicht der Zaunkönig als Wappentier?

Am besten wäre es vielleicht alles, ich wiederhole: álles Nationalgetue in die Alte Pinakothek zu verbannen. Keine heraldische Wappentiere mehr, keine schwingende Fahnen, kein scheinheiliger Löwe. Nur éin Zeichen wollen wir uns gönnen: eine kleine Schleife in der Farbe oranje am Kragen, die getragen wird wenn der König Geburtstag feiert. (Neben allen nicht-karnevalesken Orden.) Und die alte Nationalhymne wollen wir auch beibehalten. Wir werden sie künftig sanft, leise und schön mitsummen.





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Mittwoch, 1. Februar 2017
Bagatelle 293 - Alptraum an der Grenze
Einmal nach Wesel fahren: das habe ich seit Lebens immer gewollt. Sie wissen: Wesel am Rhein, am Niederrhein. Das ist von uns aus gesehen nicht sehr weit. Mit dem Fahrrad, zuerst die Bundesgrenze überquerend, dann über Rees den Rhein entlang weiter stromaufwärts, es dauert höchstens eine Stunde.

Sie hätten mich fragen können was ich überhaupt in Wesel zu suchen hatte. Dann hätte ich geantwortet: "Mal schauen ob der König von Wesel wirklich ein Esel ist, was immer wieder behauptet wird. Das liebe Fräulein im Kindergarten sagte es schon. Und dasselbe tat der Echobrunnen in der Nähe von Apeldoorn, wo wir mit dem Schulausflug oftmals landeten. Doch, wenn man - sich beugend über das Wasser des Brunnens - laut rief: "Was ist der König von Wesel?", dann hörte man laut und deutlich die Antwort: "Esel …, Esel …"

Heute morgen war es dann so weit. Ich hatte meinen alten Rucksack vollgepackt mit allerhand Esswaren, worunter Brötchen mit Käse und welche mit Schinken.
Sieben Uhr dreißig war es als ich mich auf den Weg machte und zehn Minuten später erreichte ich schon die Grenze. Und da fing das Missgeschick richtig an.

Was war der Fall? Deutsche Grenzkontrolleure, Douaniers genannt, hatten den Schlagbaum – der immer als Andenken in der Wiese herum stand – mitten auf den Weg gestellt.
Auf meine berechtigte Frage: "Kann jemand mir sagen was das zu bedeuten hat?" sprach ein schwer gewappneter Douanier: "Seit Donald J. Trump in den Vereinigten Staaten das Sagen hat, ist es auch hier bei uns nicht sicher. Deshalb ist die Grenze von heute an geschlossen für alle Reisende."
"Aber ich habe einen Reisepass, seht nur!" erwiderte ich. (Mir wurde allmählich ziemlich unheimlich. Sie wissen wie das geht: von den kleinen Zehen aus nach oben kriecht die Wut empor bis in die Haarspitzen.)
"Nein, du darfst nicht rein. Davon kann überhaupt keine Rede sein. Außerdem ist das Gültigkeitsdatum deines Reisepasses schon längst überschritten."

Da wurde ich so wütend, dass ich meinen Verstand verlor. Obwohl man mich kennt als ein sanfter, liebenswerter Mensch der keine Fliege etwas antut, geriet ich in solcher Rase dass ich den Douanier einen Schlag verpasste der ihn rücklings in den dort fließenden Strom landen ließ. Mit der Folge dass sich nun alle anwesende Douaniers auf mich stürzten. Undank meines tapferen Widerstandes wurde ich an Händen und Füßen gefesselt und in das nächstgelegene Wirtshaus gebracht, wo ich hinter Schloss und Riegel kam.

Just an dém Augenblick wurde ich wach wegen der Glocke der Dorfkirche die aus aller Macht zu lauten anfing. (Ob es die morgendliche Achtuhrglocke war oder die abendliche Neunuhrglocke vermag ich nicht zu sagen.) Triefnass vom Angstschweiß bemerkte ich, dass ich alles nur geträumt hatte. Es war ein Alptraum gewesen. Den Krach konnte man bis in Wesel hören.


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Mittwoch, 25. Januar 2017
Bagatelle 292 - Spione und Schubser
Nachdem er uns mit dem geheimen Leben der Bäume bekannt gemacht hat, versucht der Autor Peter Wohlleben – übrigens ein schöner Name für jemand der sich als Oberförster täglich im deutschen Wald aufhalten darf – seine Leser jetzt auf Niederländisch davon zu überzeugen wie tiefgrabend und tiefgreifend das Seelenleben der Tiere ist. Sein neuestes Buch heißt bei uns: Het innerlijke leven van dieren. Und in der ARD-sendung Hart oder/und Fair versuchte er neulich gegen den Willen der anwesenden Forstwildschafter Werbung für den Naturwald zu machen. Aber das nur beiseite.




Endlich einer der sagt was ich schon seit Ewigkeit behaupte: Bäume die reden, Gewächse welche Gefühle zeigen, Tiere mit Emotionen, kluge Insekten die in ihrem Verhalten Formen von Intelligenz zeigen. Ein schönes Beispiel, das beschreibt wie intelligent einige Insektenarten sind, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Sie bekommen die Geschichte aus erster Hand: selber erlebt und ungeschönt weiter erzählt.

Es war um die Jahrhundertwende. Mit einigen Kollegen war ich berufshalber wieder einmal in Süd-Afrika. An einem Wochenende machten wir einen Ausstecher in den Paul Krüger Wildpark. Weil einige vor uns behaupteten, dass die wilden Tiere, die famosen Großen Fünf, sich in der Dämmerung am besten beobachten ließen, machten wir auf einem offenen Lastwagen eine Abend/Nachttour durch die Gegend. Geführt von einem jungen Naturforscher der die Kunst des Schweigens verstand und uns lehrte seinem Vorbild zu folgen.

Es war als hätten die Tiere unter sich verabredet sich an diesem Abend nicht zu zeigen. Kein Zebra oder Springbok ließ sich sehen. (Was mich übrigens gar nicht störte: ich genoss vollends der abendlichen Stille und bewunderte den unglaublich schönen Sternenhimmel.)
Auf einmal hielt der Lastwagen an und der Führer bat uns lautlos auszusteigen. Da sahen wir im Scheinwerferlicht des Wagens auf dem Landweg etwas außerordentliches.

Ein Ameisenvolk machte sich auf den Weg zu überqueren. Seht ihr, sagte der Führer leise, was sie machen! Sie schicken einige größere Ameisen voraus welche die Strecke freimachen und die beurteilen ob die Überquerung ohne Schwierigkeiten vonstattengehen kann. Wie Spione!
Offenbar fanden die Spione die Lichter des Lastwagens kein Grund von ihrem Plan abzuweichen. Das Volk – hinter einander, ruhig und dennoch zügig – überquerte den Weg. Aber am Ende der Zuges gab es offenbar, wie bei Menschen, Trödler und Zauderer. Ameisen die still standen und sich immer wieder umsahen und sich wunderten wie schön die Welt doch ist. Auch hier haben die Ameisen eine Antwort, sagte der Führer, seht nur! Einige Ameisen fungieren als Anschieber. Schubser sozusagen. Indem sie stechen fordern sie zaudernde Ameisen dringend auf sich weiter zu bewegen. Sie sorgen dafür dass der Weg frei wird; sie erreichen als letzte die Überseite.

Wir die wir es mit eigenen Augen sahen, staunten nicht schlecht. Und das alles ohne Lärm oder Befehl! Davon kann die Menschheit noch vieles lernen, so dachten wir. Und der Herr Wohlleben wird das sicherlich bejahen.


Nachschrift: Die Ameisen hierunter stammen von Maurits Escher


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Mittwoch, 11. Januar 2017
Bagatelle 291 - Teuflischer Kleiderhänger
Da war noch die Geschichte mit dem antiken Kleiderhänger, die ich mir vorgenommen hatte Ihnen zu erzählen, was ich fast vergessen hatte.

Es begann alles mit meinem vor einigen Jahren verstorbenen Bruder der oftmals Antikauktionen besuchte um sich dort allerhand Kram und sonstiges zu kaufen. Eines Tages kam er nach Hause mit einem, wie er sagte, schwer antiken Kleiderhänger. Ein schlichtes Brett aus feinstem Eichenholz sei es, verziert linksoben respektive rechtsoben mit einem Männer- bzw. Frauenkopf. Mittendrin irgendwo vier Kleiderhaken: Kupferstreifen die sich aus teuflischen Köpfen niederwärts krümmten damit Kleidungsstücke fein säuberlich aufgehängt werden konnten. Kleine Teufelchen waren es welche man oft sieht bei Kathedralen und derartigen antiken Bauwerken. Dort fungieren sie als Wasserspeier, hier als Kleiderhänger. Schade nur dass man kaum eine Binde geschweige denn einen Mantel aufhängen konnte wegen zu kleiner Kupferhaken. Ums andere Mal fielen Kleiderstücke auf den Boden, was wahrscheinlich nicht Sinn der Sache sein kann.



Nach dem Ableben meines Bruders sind einige Antiksachen worunter der Kleiderhänger in die Wohnung meiner Schwester gelandet. Der Kleiderhänger wurde in die Garage verbannt, weil für ihn kein Platz in der Herberge war. Bis meine Schwester mich mal frage: "Willst du ihn nicht mitnehmen? Bei dir im neuen Haus hat er Raum und Ansehen." Da ich nicht nein sagen kann, brachte ich den antiken Kleiderhänger in die neue Bude und bat ihn im Korridor hängen zu wollen.
Bei einer etwas genaueren Inspektion kam ich aber zu der Einsicht, dass der Hänger mit unübersehbaren Mängel behaftet war. So stellte sich heraus dass das Angesicht der Frau als auch des Mannes beschädigt war, was jedoch ihr schmerzliches Lächeln erklärte. Obendrein musste ich vorher das Problem der zu kurzen Kupferhaken lösen. Das tat ich, erfinderisch wie ich bin, indem ich von einem alten Kleiderhänger, den ich aus meinem Bauernhof mitumgesiedelt hatte, die großen, verchromten Haken entfernte um ihnen dann einen neuen Platz neben und zwischen den vier Teufelchen zu besorgen.

So gesagt, so getan. "Eine Schande!" sagte meine innerliche Stimme, "du hast ein köstliches Stück Antik völlig verwüstet und einem schönen Kleiderhänger von seiner antiken Ausstrahlung beraubt!"
"Unsinn," sagte meine realpolitische, utilitäre Einsicht, "was taugt ein Kleiderhänger, sei er antik wie er wolle, wenn er nicht imstande ist gleichzeitig drei Wintermäntel zu tragen?"



So kommt es dass ich, jedes Mal wenn ich jetzt den Korridor betrete und mein Antlitz im Spiegel begutachtet habe, freundlich meine vier Teufelchen grüße. Und die scheinen erleichtert zu sein festzustellen, dass sie keine schwere Last mehr zu tragen brauchen. Das sagt mir ihr Lächeln.

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Samstag, 7. Januar 2017
290 - Auswendig
Vielleicht haben Sie, wie ich, sich das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker oder die Neujahrsmusik der Wiener Philharmoniker angehört. Beide Orchester wurden wie immer von Topdirigenten durch die Musik begleitet: in Berlin war es Sir Simon Rattle und in Wien Gustavo Dudamel der speziell aus Kolumbien eingeflogen worden war. Beide Dirigenten dirigierten auswendig.

Zufälligerweise las ich in dieser Übergangszeit zwischen den Jahren das Buch: "Over dirigeren" (Utrecht: Bohn, Scheltema & Holkema, 1983) von Kirill Kondrashin (1914-1981), selbst seit Lebens ein weltweit sehr geachteter Dirigent.
In diesem Buch, das jeder angehender Dirigent auf seinem Nachttisch liegen haben muss, bespricht Kondrashin in einem kleinen Kapitel das Phänomen des auswendig Dirigierens.

Viele Dirigenten lieben das auswendig dirigieren. Zuerst, so behaupten sie, fördert es den Kontakt mit den Musikern sehr, weil man der Partitur keine Aufmerksamkeit widmen braucht. Und, sagen sie, wenn die mitwirkenden Solisten (zB: Trifonov der ohne Partitur Rachmaninoff spielt) meistens eine Partitur auswendig können und ohne die auskommen, warum denn Dirigenten nicht?

Kondrashin ist der Meinung dass eine Partitur immer aufs Dirigentenpult gehört. Und zwar aus psychologischen Gründen. Schon die Anwesenheit einer Partitur gäbe dem Dirigenten als auch dem Orchester mehr kreative Freiheit. Selbstverständlich soll der Dirigent das zu spielende Repertoire faktisch auswendig können. Die Partitur also: nicht die mit den Augen zwingende, auf Note und Maß genauestens zu folgende Anweisung, sondern der ständige, treue Begleiter der anwesend ist wenn sich Probleme (Gedächtnisstörungen usw.) auftun.

Kondrashin sagt es nicht, aber deutet es an. Das auswendig Dirigieren einer schwierigen und komplizierten Komposition wird oft als Zeichen von Können gesehen. Seht nur, der dirigiert die Achte von Bruckner – Dauer anderthalb Stunden - auswendig!
Zu Unrecht, denn es gibt auch Dirigenten die einen Strauß-Walzer, den das Orchester unter ihrer Führung tausend Mal gespielt hat, niemals spielen lassen ohne dass die Partitur (oft nur geschlossen) dabei ist.

Nachrede 1: Dirigenten haben, was die Partitur angeht, zwei Sorten von Gedächtnis: das visuelle (sie sehen quasi die Partitur vor ihren Augen) und das phonologische (sie hören innerlich die Noten wenn sie ohne Orchester die Partitur studieren).
Solisten (der Klaviervirtuose oder die famose Hoboistin) haben noch ein drittes Gedächtnis: das taktile. Ihre Finger kennen und erinnern sich (in Berührung mit Klaviertasten oder Hoboen Klappen) die musikalischen Abläufe.

Nachrede 2: Frage: Welche Philharmoniker sind besser: die Berliner oder die Wiener? Antwort: das Concertgebouworchester.


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Freitag, 23. Dezember 2016
Bagatelle 289 - Stapelvers: Es war einmal ...
Beim Stöbern in meiner Büchersammlung fand ich ein altes Lesebuch für die dritte Klasse der niederländischen Grundschule anno 1920. Darin stand folgendes Stapelvers. (Warum es so heißt, werden Sie nach dem Lesen verstehen.) Zweifellos gibt es im Deutschen auch solche lustige Verse. Kennen Sie welche? Das niederländische hab ich für Sie so gut wie möglich übersetzt.
Nota bene: Beim Lesen merkte ich, dass ich dieses Vers kannte: Teile daraus konnte ich noch auswendig aufsagen! Ich muss es in meiner Grundschule - lang ist's her - gelesen haben!


ES WAR EINMAL








Es war einmal ein Männchen
Das fegte seinen Stall.
Was fand er dort?
Einen goldenen Groschen.
Was kaufte er damit?
Ein fettes, fettes Schwein.
Aber das Schwein wollte nicht gehen,
es wollte getragen werden
auf einer Bahre oder Schubkarren.

Dann ging er zum Hund:
Hund, willst du Schwein beißen?
Schwein will nicht gehen,
es will getragen werden
auf einer Bahre oder Schubkarre
Nein, sagte der Hund.

Dann ging er zum Stock:
Stock, willst du Hund schlagen?
Hund will nicht Schwein beißen,
Schwein will nicht gehen,
es will getragen werden
auf einer Bahre oder Schubkarren.
Nein, sagte der Stock.

Dann ging er zum Feuer:
Feuer, willst du Stock brennen?
Stock will nicht Hund schlagen,
Hund will nicht Schwein beißen,
Schwein will nicht gehen,
es will getragen werden
auf einer Bahre oder Schubkarren.
Nein, sagte das Feuer.

Dann ging er zum Wasser:
Wasser, willst du Feuer löschen?
Feuer will nicht Stock brennen,
Stock will nicht Hund schlagen,
Hund will nicht Schwein beißen,
Schwein will nicht gehen,
es will getragen werden
auf einer Bahre oder Schubkarren.
Nein, sagte das Wasser.

Dann ging er zum Ochsen:
Ochse, willst du Wasser trinken?
Wasser will nicht Feuer löschen,
Feuer will nicht Stock brennen,
Stock will nicht Hund schlagen,
Hund will nicht Schwein beißen,
Schwein will nicht gehen,
es will getragen werden
auf einer Bahre oder Schubkarren.
Nein, sagte der Ochse.

Dann ging er zu dem Mann:
Mann, willst du Ochse prügeln?
Ochse will nicht Wasser trinken,
Wasser will nicht Feuer löschen,
Feuer will nicht Stock brennen,
Stock will nicht Hund schlagen,
Hund will nicht Schwein beißen,
Schwein will nicht gehen,
es will getragen werden
auf einer Bahre oder Schubkarren.
Nein, sagte der Mann.

Dann ging er zum Galgen:
Galgen, willst du Mann hängen?
Mann will nicht Ochse prügeln,
Ochse will nicht Wasser trinken,
Wasser will nicht Feuer löschen,
Feuer will nicht Stock brennen,
Stock will nicht Hund schlagen,
Hund will nicht Schwein beißen,
Schwein will nicht gehen,
es will getragen werden
auf einer Bahre oder Schubkarren.
Ja, sagte der Galgen.

Und der Galgen hängte den Mann,
und der Mann prügelte den Ochsen,
und der Ochse trank das Wasser,
und das Wasser löschte das Feuer,
und das Feuer brannte den Stock,
und der Stock schlug den Hund,
und der Hund biss das Schwein,
und das Schwein ging sehr schnell …
Seht, seht nur!


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Sonntag, 27. November 2016
Bagatelle 288 - FAQ-2
Frage: Kennen Sie die monatlich erscheinende niederländische Musikzeitschrift “Hoor & Wederhoor” (Auf- & Zuhören)?
Antwort: Selbstverständlich kenne ich die. Sie ist die Neubelebung des früheren Musikblätchens “Bank- und andere Noten”. Herausgegeben vom Verlag “Notgedrungen GmbH”, sesshaft in Raunen an der Luhre. Nahezu alle Aspekte der seriösen Pop- und Klassikmusikszene kommen hier zur Geltung. Mit allen musikalischen Erscheinungen setzt man sich auf passender Weise auseinander. Bach und Beatles, nichts wird hier weder verheimlicht noch geschont.

Das Erste was ich mache, wenn ich mir das Blatt aus dem Briefkasten hole, ist das Aufschlagen von Seite 56. Auf dieser und folgenden zwei Seiten - unter der Rubrik “Häufig Gestellte Fragen”- bekommt der geachtete Leser und die liebe Leserin Antworten auf schwierige, musikalische Fragen, welche einem die Nachtruhe rauben können. Erstaunlich wie es der diensthabende Redakteur Franz Mundharfe immer wieder schaft passende Antworten auf unmögliche Fragen zu finden. Es folgen jetzt einige saillante Beispiele.


Frage: Ich suche seit langem das Strickmuster der Mütze welche der berühmte Pianist Friedrich Gulda bei seinen Auftritten trug. (Sie wissen: der einzige Pianist der seit Lebens öffentlich bekannte gestorben zu sein, das aber später vehement verneinte.) (Frau Wilhelmine Roßbach, Unterammergau)
Antwort: Ich weiß was Sie meinen. Die Farbe war laut Loriot ein grünliches Blau oder vielmehr ein bläuliches Grün. Sie mögen das Muster downloaden (oder herunterladen wenn Sie denn unbedingt wollen) auf www.strickmustergulda.de. Bitte, beeilen Sie sich denn die Nachfrage ist groß.

Frage: Wij, die wir wohnachtig sein in Hamburg Harburg, hören vaak dass Niederländer reden von ‘ein Flötchen von ein Cent’. Wissen Sie missjien wo dieser Ausdruck vondannen kommt? (Frau Katharine Zehlendorff, Hanzestadt Hamburg)
Antwort: Sehr gut, liebe Frau Zehlendorf, dass Sie Ihre Frage auf Niederländisch von sich geben. Das zeigt wieder den internationalen Charakter unserer Zeitschrift. Früher benutzen die Schiedsrichter beim edlen Fußballspiel in Holland eine billige Trillerpfeife aus Metall mit einer Erbse darin. (Manchmal genügte eine Bohne.) Eine solche Pfeife kostete (1938) bei der Edeka in Amsterdam einen Cent. Sehr billig also. Darum reden die da noch immer über ‘een fluitje van een cent’ was schlicht bedeutet: eine Kleinigkeit.

Frage: Ein Bekannter von mir erzählte neulich, er habe in Wien ein verkleinertes Midwinterhorn aus feinstem Leder gesehen, welches von Beethoven als Gehörinstrument benutzt worden wäre. Ich habe selber immer geglaubt, dass Beethoven überhaupt kein Gehörrohr benutzte, sondern sich half mit einer böhmischen Gehörsalbe. Gerne Ihre Meinung dazu. (Herr Klaus-Anton Markwarz, Essen)
Antwort: Ihr Bekannter hat Recht. Nicht ganz und gar, aber immerhin. In seinem späteren Leben bediente sich Beethoven eines Hörhilfsgerätes (Siehe Abbildung). Sonst stellte er sich meistens schwerhörig oder scheintaub. Und dann hilft wie Sie wissen keine Gehörsalbe, auch nicht die böhmische.

Frage: Wissen Sie zufällig was aus dem damals berühmten dänischen Lazerop Trio (Wohnsitz: Esbjerg) geworden ist? In Deutschland besser bekannt unter dem Namen 'Hau-Ab Trio'. Dieses Dreigespann machte in den siebziger Jahren Furore mit ihren authentisch gesungenen dänischen Madrigalen.
Antwort: Das Trio gibt es immer noch! Allerdings hat es sich heutzutage spezialisiert in finnischen Schlagern in dreiviertel Takt. Ein rezentes Lichtbild bildet der Beweis ihrer Lebendigkeit.

Frage: Warum eigentlich steht in dem Titel dieser Bagatelle eine 2 hinter dem FAQ?
Einiges in Ihrem Schreiben kommt mir bekannt vor. Kann es sein dass ich Ihren Beitrag, sei es in geänderter Form, irgendwo schon früher mal gelesen habe? (Dr. h.c. Terracidus, Niederlande).
Antwort: Dazu gebt der Verfasser leider keine Auskünfte. Aber, ein Kompliment für Ihr glänzendes Gedächtnis!





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Sonntag, 16. Oktober 2016
Bagatelle 287 - Kleinste Kirchliche Ausstellung
Halb zwei hat’s geschlagen wo ich die Kirchentür öffne. Ich trete in das Kirchenportal und verfolge meinen Weg ins Kircheninnere.
Auf einem Schild draußen kann man lesen, dass in der Kirche monatlich wechselnde Ausstellungen stattfinden. Heute zeigt die Frau Fletscher aus Kleve uns ihre Gemälde. Ein Übermaß an Farben strahlt mir entgegen. Das ist offenbar Frau Fletschers Art und Weise ihre Gefühle darzustellen.

Zuerst schalte ich die Heizung ein und mache Licht. Dann wird draußen die Nationalfahne – Sie wissen: die Trikolore mit den Farben wie es sich gehört horizontal unter einander – aufgehängt. Ebenso das Schild das unvorbereiteten Passanten meldet, dass die Kirche, und damit die Ausstellung, heute von 14.00 bis 17.00 Uhr geöffnet ist. Ich lege das Gästebuch geöffnet an seinem Stammplatz und richte das Glas für die noblen Spenden her. So weit, so gut. Die Gäste mögen kommen.

Es ist heute, den 16. Oktober, ein prachtvoller Herbsttag. Voll Sonnenschein, nahe 20 Grad, deshalb setze ich mich draußen in der Sonne. Anfangs ist es noch sehr ruhig. Dann aber kommen die ersten Besucher. Ich heiße sie willkommen und erkläre zugleich die Abwesenheit der geschätzten Künstlerin. Sie kann ja nicht jeden Ausstellungstag anwesend sein.

Die Kirche in der ausgestellt wird, ist die kleinste seiner Art in den Niederlanden. Konkret heißt das eine Länge von 6,5 M., 4,5 M breit und 5,5 M. hoch. Komplett mit Turm, Uhrwerk, Glocke, Altar und Chorgemälde. Glanzstück ist eine Kopie einer Christus Kreuzigung oberhalb des Altars.

Vielleicht wundern Sie sich und fragen: lieber Terra, was ist ihre Aufgabe in dieser recht kirchlichen Umgebung? Nun, ich bin heute quasi der Gastgeber. Die Kirche ist Eigentum einer örtlichen Stiftung und dieser Verein hat mich gebeten ab und zu als Freiwilliger für Aufsicht und Begleitung der Gäste da zu sein. Was ich sehr gerne mache. Ich erzähle den Besuchern so drei, vier Mal im Jahr an einem Sonntagnachmittag die Geschichte der kleinsten niederländischen Kirche.

Ein kleiner Seitenweg führt uns jetzt zu der Kirchengeschichte. Anno 1908 vermachte ein kinderloser alter Herr aus Den Haag seinem Neffen ein großes Landgut mit Hof und Boden unter der Bedingung dass dieser auf dem Grundstück eine Kirche bauen sollte. Der Erblasser hatte aber vergessen in den Bedingungen die Maßen zu nennen, worauf der erbende Neffe eine so kleinst mögliche Kirche bauen ließ.

Heute, den 16-10-2016, kommen sage und schreibe 18 Gäste. Gut dass sie nicht alle gleichzeitig kommen, sonst wäre zu wenig Platz für alle. Die meisten Besucher sind von weit her angereist. Sie kommen um später zu Hause sagen zu können, dass sie einmal in ihrem Leben die kleinste Kirche besucht haben inklusive eine unerwartet schöne Ausstellung. Kinder sind auch dabei. Wenn die Eltern so lieb sind der Kirchenstiftung eine Spende zu offerieren, dürfen die Kinder höchstpersönlich die Glocke läuten. Ist das nicht was!

Zwischen den Erscheinungen der Gäste herrscht Ruhe. Zeit genug um diese Bagatelle zu schreiben.








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Mittwoch, 12. Oktober 2016
Bagatelle 286 - Imagination
Neulich hat mein Freund, der Herr Paul Tangram, - achte bitte auf seinen Namen! - an der Ökumenischen Hochschule zu Haarlem (Niederlande) promoviert. Glückwunsch!
Das eigentliche Thema seiner Dissertation tut hier nicht zur Sache (es war etwas sehr geheimnisvolles und für sowohl Sachverständige als Laien völlig unverständlich). Die Dissertation wurde nach Urteil des Plenums dennoch zu Recht mit einem "Summa Cum Laude” gelobt. Vieleicht auch weil der Dr. Tangram seinen Lesern und Zuhörern einige interessante Beispiele seiner wissenschaftlicher Kunst vorspiegelte.

Ich zeige Ihnen hier die Beispiele seiner Kunst plus die dazu passenden Thesen. Ihnen die Aufgabe die richtige Kupplung zwischen Bild und These herzustellen.

Thesen:

- Es ist völlig unwichtig ob ein Blog in blogger.de inhaltlich etwas vorstellt, wenn er nur richtig konzipiert ist.
- Dass so viele Verbrechen ungelöst bleiben, liegt daran, dass die diensthabende Polizeifunktionäre in ihrer Jugend nicht gelernt haben Puzzles zu legen.
- So lange ein Kopftuch auch als Brillenputztuch verwendet werden kann, gibt es keinen Grund sich Sorgen zu machen.
- Auch einem Minister-Präsident muss man das Recht zustehen dann und wann einige Minister auf die Straße zu setzen.
- Mein Name ist Hase, sagte das Kaninchen und verschwand ins Gebüsch.
- Falls gut aufgehoben ist das Ganze ist mehr als die Summe der Teile.












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Samstag, 17. September 2016
Bagatelle 285 - Fissematenten
Was nicht alles zum Vorschein kommt bei und vor allem nách einem Umzug! Was man nicht alles aufbewahrt hat bis zum jüngsten Tag! Das hat man davon wenn genug Platz da ist für allerhand Sachen die sonst im Wege stehen. Man entspricht den Wünschen der Familie, der Freunde und Bekannte die selber keinen Platz zum Aufbewahren haben und dann zu dir sagen: "Du, da auf deinem großen Bauernhof, du hast ja Räumlichkeiten genug um diese unsere Sachen für uns zu lagern und aufzubewahren. Und es ist natürlich nicht für alle Ewigkeit!"

Manchmal dauert eine Ewigkeit ziemlich lange. Das wirkliche Problem tut sich vor wenn das Ende da ist. Bei einem Umzug in eine viel kleinere Wohnung muss vieles Aufbewahrtes eben auch umziehen. Nur wohin wohl? In eine Altbüchersammlung, in eine Altkleidung-Deponie, zu einem Ort wo vieles offenbar noch verwendbar ist, als brauchbare Spende für Menschen denen es nicht sehr gut geht, aber nicht mehr in die neuen vier Wände. Alles mitnehmen ist völlig ausgeschlossen.

Aber das alles nur nebenbei. Diese Bagatelle handelt über ganz was anderes. Heute merkte ich dass ein kleines Büchlein mit mir umgezogen ist. (Ich tue mich immerhin sehr schwer beim Verabschieden von irgendeinem meiner Bücher …) Dieses kleine Buch mit nur 54 Seiten hat es geschaft mit mir umzuziehen. Es ist beim näheren Betrachten ein richtiges Schauspiel: ein Volksstück mit Gesang in vier Akten. Der Text stammt von einem gewissen Herrn Wilhelm Lindenberg, seines Lebens geachteter Einwohner von Bocholt (in Westfalen). Die Musik ist von Willy Langheinrich. (Wie kommt ein Mensch an so einem wunderbaren Nachnamen? Oder ist es ein Pseudonym?) Der Titel des Stückes lautet schlicht: Meister Brokamp. Es ist geschrieben in dem Dialekt das von der Bocholter Bevölkerung, damals in 1924, gerne gesprochen und gesungen wurde.

Meinen Sie nicht dass ich ein leidenschaftlicher Liebhaber von Volksstücken und sonstigen ohnsorgartigen Aufführungen bin. Ich habe nichts dagegen, ich habe auch nichts dafür. Mich interessiert aber sehr die Mundart. Die Stadt Bocholt lag und liegt förmlich neben der Haustür, an dieser und jener Seite der Landesgrenze, und ich wundere mich wie sehr das Bocholter Dialekt Anno 1924 das heutige, unsrige ähnelt.

Hier ein Beispiel. Die liebe gesprächige Frau Möllmann ist bei den Brokamps zu Besuch. Beim Kaffeetrinken erzählt sie diese schöne Geschichte:

"Mor dor muk ou doch noch es en Stücksken vertellen. Wasde doch te Moote kas kommen. Dor kümp dij ne Putze bij mij int Hus und säh, ich hadde de Gotte net ekehrt. Ick säh: Herr Polizei, ick hebbe de Gotte wall ekehrt. Do säh he: ick hadde se nit rein ekehrt. Ick gung daor ganz transkiel teggenan. Herr Polizei, ick hebbe de Gotte wall rein ekehrt. Do he wär: wenn Sie die Gotte nich rein kehren, dann mache ich Sie ein Protokoll. Ick säh: dat doh mor, ick kehre de Gotte gin twee mol; ens is genug.
Maor as ick mij de Gotte es bekieke, do hadden mij doch wahrhaftig de Blagen van de Spiekerse de Modde bis midden vör de Döre ekehrt! Was dat nit gemein? Dor was ick doch bolde vör in de Kaste kommen!"


Obwohl fast hundert Jahre alt kann ich dieses Bocholter Plattdüütsch, sei es mit einiger Mühe und Not, lesen und verstehen. Kein Wunder, denn die Stadt Bocholt liegt kaum zehn Kilometer an der anderen Seite der Landesgrenze. Die beiden Dialekte, das westfälische und das holländische, sind eben sehr verwandt.

Nur: von einigen Wörtern ist mir die Bedeutung ziemlich fremd. Bitte, helfen Sie mir. Was sind zum Beispiel Fissematenten und was in der Welt ist wohl ein Kastemänneken?




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Freitag, 9. September 2016
Bagatelle 284 - Heimweh
Diese treue Vierfüßler sind, außer der Tatsache dass sie eineiige Zwillinge sind, Gegenstücke zu einander. Sie sind Gegenfüßler, oder wenn Sie wollen: Antipoden. Zwar können sie sich unabhängig voneinander bewegen und sich eine eigene Meinung erlauben, sie sind Spiegelbild und zu einander verurteilt bis zum Lebensende. Ohne den einen hat der andere keine Existenzberechtigung.

Das mit dem Spiegelbild können Sie ruhig wörtlich nehmen. Es gibt einen Linkshund und einen Rechtshund. Beim einen wohnt die Sprachfunktion in der linken Hirnhälfte, beim anderen rechts. Der eine Hund – über die genaue Rasse lässt sich streiten – ist rechtshändig (rechtspfotig), der andere linkisch. Der eine geht so weit zu meinen sich AFD-Ideen leisten zu können, der andere bekennt sich mit Herz und Seele zu der altkommunistische Variante der SPD. Und so weiter und sofort. Diese äußerliche Gleichförmigkeit in Kombination mit der Ungleichheit der Charaktere führt zu spannenden Diskussionen, kann ich Ihnen mitteilen. Aber immer hart und fair, das schon.

In diesen Tagen leiden meine zwei Hunde an der klassischen Heimweh. Das kommt folgendermaßen. Ursprünglich verkehrten die zwei im Hause meines Bruders, wohnhaft in der schönen Stadt Bois-le-Duc, wo sie einen festen Platz hatten links und rechts auf dem Fensterbrett. Einige Jahre ist es her, da zogen sie um nach dem ostniederländischen Plattelande zu meinem Bauernhof. Dort wohnten sie in der guten Stube, zufrieden und glücklich.
Vor einigen Wochen sind sie mit mir verreist zu der neuen Wohnung wo sie sich - platziert links und rechts vor dem Vorfenster des Wohnzimmers - den Handel und Wandel im Zimmer ansehen. Sie schauen in Richtung Zimmerinneres, so dass die Passanten draußen auf dem Bürgersteig nur ihre feingeformte Rückenpartien sehen.

Dann und wann schlägt das Heimweh zu. Dann ziehen sie sich in eine Ecke des komfortablen Lehnstuhls zurück und starren betrübt vor sich hin. Denn die Erinnerung an die glücklichen Jahre in der besten Stube im Hof ist noch frisch und die Wunde, welche das Wegreißen aus dieser glückseligen Umgebung bewirkt hat, braucht Zeit zum heilen.

Solch ein Heimwehstündchen dauert nicht lange. Dann kommt der Meister selber herangelaufen, nimmt äußerst vorsichtig die porzellanen Hunde in die Hände und stellt sie zurück vor dem Fenster. Der eine links, der andere rechts. Oder auch umgekehrt.








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Samstag, 27. August 2016
Bagatelle 283 - PS, KS und MS
Hier bei uns gibt es so wohl das Wort ꞌVolkꞌ als auch das Wort ꞌPferdevolkꞌ. Nicht als Gegensatz gemeint zu ꞌFußvolkꞌ oder anders gesagt: ꞌLeute zu Fußꞌ. Nein, Leute die sich gerne zum Pferdevolk bekennen sind Menschen die Pferde halten und Pferde lieben. Mein Großvater väterlicherseits war so ein Pferdemann. Morgens fuhr er mit seinem Gespann (zwei schwarzfarbigen Friesen) im Leichenwagen den Sarg eines verstorbenen Mitbürgers von der Kirche zum Friedhof. Und mittags sah man die drei dann wie sie den Acker anbauten als Vorbereitung auf die anstehende Roggenernte.

Um einen Karren oder den Pflug ziehen zu können braucht ein Pferd ein wie wir es nennen ꞌHaamꞌ, ein oval förmiges, bewegbares Holzstück, quasi ein Hals joch, mit an der Unterseite eine Öffnung. Das Joch soll feste gegen die Pferdebrust anlehnen; dazu ist die Innenseite mit sanftem Leder bekleidet.
In unserem alten Bauernhof befand sich so ein Pferdehalsjoch. Dachten wir. Aber es war so klein, dass kein Pferd sein Haupt und Schulter hindurch hätte kriegen können. Ein Bekannter half mir: es ist kein Pferde-, sondern ein Kuh joch!
Das war es in der Tat. Kleine Bauern in unserer Plattelandsgegend konnten sich kein Pferd leisten. Deshalb zog die treue Kuh – die schon so vieles für die Familie tat indem sie Milch und Fleisch spendete – den Karren.
Diese Tatsache lehrt uns, dass es neben das Stärkemaß PS auch ein Maß KS geben muß.

Auf einem der Bilder hier unten sehen Sie solch ein Kuhjoch. Von mir fotografiert. Zwar in einem sehr schlechten Zustand, aber das kommt davon wenn man ein Gerät dutzende von Jahren ungebraucht in einer Ecke stehen lässt. Jetzt wird es bewohnt von Holzwürmern, Spinnen und sonstigem Gesindel.

Jetzt wissen Sie was die Bezeichnung 1 KS bedeutet. Richtig: eine (1) Kuhstärke. Aber es kommt noch schlimmer. Lesen Sie nur ruhig weiter. Und sehen Sie sich die Bilder genauestens an.

Dies hier ist die Frau Klein Soerkamp die sich von ihrem Gatten befördern lässt. Sie benutzt den Amazonensitz: quer auf die Fahrtrichtung, die Füße nach einer Seite. So zu sehen fährt man zu einer prachtvollen Gelegenheit, vielleicht eine Hochzeit, denn die liebe Frau Klein Soerkamp trägt ihre weiße Sonntagsmütze samt schwarzer Untermütze. Weiter hat sie ihren selbstgehäkelten Umschlag umgeschlagen und zeigt uns ihre fein säuberlich geputzten Schuhe. Dauernd bespricht sie mit ihrem Gatten die Umgebung. "Siehst du Hendrik, wie schön bei Janssens der Roggen wächst!" Aber Hendrik murt dass sie nicht so viel reden soll. Und bitte still sitzen!

Der Dreiklang ist jetzt perfekt: PS (Pferdestärke), KS (Kuhstärke) und MS (Menschenstärke).







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Donnerstag, 18. August 2016
Bagatelle 282 - Schulanfang
Heute, während meiner täglichen Radtourstunde, wurde ich wieder auf die Tatsache aufmerksam gemacht dass die Schulferien allmählich auf ihr Ende zugehen. Man hatte, wie jedes Jahr um diese Zeit, Schilder aufgehängt mit der dringenden Warnung: Schulanfang. Oder: Schule hat begonnen! Den Verkehrsteilnehmern und vor allem den Autofahrern eine Mahnung sehr vorsichtig zu fahren um böses – Unfälle wobei Schulkinder zu Schaden kommen - zu vermeiden.

Wo sind sie geblieben, die frohen Sommertage? Vorbei sind sie geflogen, die Ferien. Kaum vorzustellen dass Kinder und Lehrer – in der Primarstufe meisten Lehrerinnen - schon nächsten Montag wieder die Bank drücken. Wie jedes Jahr kommen traurig stimmende Gedanken auf: wie schnell doch die Zeit vergeht!

In den ersten Jahren meines Berufslebens - lang, lang ist’s her – hatte ich dasselbe après-ferien Gefühl wie die Schulkinder heute. Die zwei Gedanken in meiner Seele stritten sich um Vorrang. Einerseits der Gedanke ꞌwie schade dass die Ferien vorbei sindꞌ und b) ꞌgut dass die Ferien vorbei sind, ich freue mich schon auf den ersten Tag im neuen Schuljahrꞌ. Ich war damals angehender Lehrer, frisch kommend von der pädagogischen Hochschule, an einer sehr kleinen niederländischen Grundschule. Mit sechs Klassen (Lehrjahren) und drei Lehrern. Die liebe Frau Hajenius, Kollegin aus der kombinierten ersten und zweiten Klasse, und der Kollege aus Klasse 5 + 6 bemühten sich um mich einigermaßen vertraut zu machen mit den Schönheiten und Tücken des täglichen Lehrerdaseins in der Klasse. (Sie haben es geraten: man hatte mir die Kombination der 3. und 4. Klasse anvertraut.)

Später, als ich längst den Lehrerberuf für eine wissenschaftliche Laufbahn gewechselt hatte, hat man mich manchmal gefragt ob ich selber die Hitze und Kälte, die Wärme und der Frost, im täglichen Lehrerdasein erfahren habe.
Meine Antwort war immer: ꞌSicher, ein Achtel Jahrhundert war ich Lehrer an einer kleinen Grundschule. Und wenn sie rechnen können, fügte ich hinzu, wissen sie dass es genau 12½ Jahre sind.ꞌ Genug um zu wissen wie schön der Lehrerberuf ist und wie herrlich die wochenlangen Ferienzeiten!




Zugabe: Einmal im Jahr wurden alle Kinder aus meiner Klasse fotografiert. Als Zugabe ein richtiges Klassenfoto. Alle Schüler plus ihr Lehrer, ein gewisser Herr Terra. Sehen Sie selbst.



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Freitag, 12. August 2016
Bagatelle 281 - Heimatbaum
Nein, ein Umzug ist nicht nur ein Standortwechsel, ein neues Haus oder eine sonstige neue Wohnbleibe. Ein Umzug ist viel mehr– ich spreche jetzt aus meiner seelischen Erfahrung heraus – eine Sache von sich mehr oder weniger "zuhause fühlen". Wo bist du zuhause? Und die andere Frage die da lautet: Wann kannst du mit Fug und Recht behaupten: hier bin ich zuhause! Sind das nur die Jahre die man an ein und derselben Stelle verbracht hat? Sicherlich nicht.
Was dies betrifft haben die Deutschen ihren holländischen Nachbarn etwas voraus. Sie können das Gefühl benennen indem sie das Wort ꞌHeimatꞌ benutzen. Ein gutes niederländisches Äquivalent fehlt.

Jemand, ich weiß leider nicht mehr wer es war, hat auf die Frage: wo ist deine Heimat? geantwortet:Heimat ist dort wo dich die Bäume kennen. Ich mag diese Antwort sehr. Wie gerne hätte ich das Urheberrecht dieses wunderbaren Zitats! Vor allem weil man zuerst auf dem falschen Fuß ertappt wird. Es geht nicht um Dich als Person welche die Natur ringsherum kennt. Du bist nicht die kennende Person, sondern die gekannte Person. Es ist die Natur um dich herum, es sind die Tiere, die Pflanzen, die Vögel, welche dich kennen. Oder auch nicht.

Wie kann man wissen ob oder wann man gekannt wird? Man weiß es nicht, man fühlt es. Ich hab einige dutzend Jahre auf einem Bauernhof inmitten der Natur verbracht. Ich kannte fast jede Pflanze, jeden Baum, und wenn ich mich nicht irre jede Kreatur. Und umgekehrt. Ich glaube sagen zu können: sie kannten mich auch. Der alte Birnbaum - wenn ich meine Hand auf seinen Stamm lege, macht uns das beide Freude. Die Pfauen – wenn sie mich sehen wenn ich angefahren komme, verspüre ich bei denen ein Gefühl ob es ihnen freut mich zu sehen.

Hinter meinem alten Hof stand (steht noch immer) eine solitäre Eiche. Eine Einzelperson also. An einem frostigen Novembermorgen habe ich sie fotografiert, vor der aufkommenden Sonne, oberhalb einer dünnen Schneeschicht. Ich glaube zu wissen, dass diese Eiche mich kennt. Darum bin ich hier zuhause.


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