Samstag, 21. November 2009
Bagatelle XXIX - Baukastenspiele
Einige Ereignisse aus der frühen Kindheit vergisst man nie. Sie werden Teile unserer geistlichen Bagage, die wir bis zum Ableben mit uns herumtragen und wovon wir, dann und wann, wenn es denn so passt, profitieren. Nehmen wir zum Beispiel unsere Spielsachen und richten unsere Aufmerksamkeit auf dás eine Spielzeug das jedem von uns vom Anfang unseres Lebens an bekannt und vertraut ist: der Baukasten.



Nein, entschuldigen Sie sich nicht. Sagen Sie auch nicht: ihr alle schon habt wohl damit gespielt, aber ích nicht. Wahr ist das wir álle mit den Würfeln des Baukastens gelernt haben wie die Welt in einander steckt. Vor allem lernten wir durch das Baukastenspiel wie der Mensch sich zu seiner Umwelt verhält und wie er sich in ihr behauptet. Aber kommen wir zur Sache.



Zuerst, nach den Feiertagen mit ihren Weihnachtsgaben, betrachten wir unsere Kiste mit den meist vier Reihen mal fünf macht zwanzig Blöcken genau und versuchen davon einen Turm zu bauen. Oder der Vater versucht es und es ist uns, den kleinen, eine große Freude ihm in das Handwerk zu pfuschen, indem wir den Turm vorzeitig umstoßen.
Später versuchen wir anhand eines Vorbildes ein wunderbares Bild zu reproduzieren. Die meisten und bekanntesten Bilder sind Märchenbilder der Grimmschen Brüder. Frau Holle und Rotkäppchen sind treffende Beispiele.

Das Nachahmen eines Vorbildes ist gar nicht so einfach. Wo sollen wir anfangen? Wir suchen uns einen auffallenden Kubus (alle 3*3*3 Zentimeter) aus und legen den irgendwo in den Raum. Dann fangen wir an Würfel zu suchen die an einer der sechs Seiten einige Kennzeichen haben die an den ersten, gerade gelegten Kubus erinnern. Einen Würfel der uns einigermaßen geeignet vorkommt, legen wir vorsichtig an den ersten. Es passt! Und immer nur weiter so!

Je mehr Würfel ihren richtigen und gerechten Platz gefunden haben, desto schneller geht die Sache voran. Das ist das pädagogische Geheimnis dieses Spielzeuges. Es fördert das Koordinationsvermögen, pflegt die Konzentration und sorgt für eine reichliche Belohnung wenn das Spiel fertig ist, nämlich eine perfekt passende Vorstellung von Aschenbrödel in ihrer großen Not. Oder wie hier: Rotkäppchen und ihr Freund Wolfram Wolf.

Roodkapje

Sechs Seiten hat ein Baukastenwürfel. Und kluge Leute (Erwachsene selbstverständlich die nichts besseres zu tun hatten) haben daraus die Folgerung abgeleitet, dass es daher theoretisch möglich muss sein sechs Bilder zu legen. Recht muss sein, und Recht haben Sie, sagte der unabhängige Spielzeugausschuss des Bundestages.

Was der Ausschuss nicht wusste, werde ich Ihnen jetzt in Vertrauen verraten. Es hat mit Fingerspitzengefühl zu tun. Nehmen wir an dass es Ihnen gelungen ist ein passendes Märchenbild des höchst anmutenden Rotkäppchen herzustellen. Durch das Drehen einer (waagerechten oder senkrechten) Würfelreihe können Sie in kürzester Zeit vor den Augen ihrer Angehörigen ein neues Bild hervorzaubern.
So geht das: wir nehmen die untere Reihe zwischen Daumen und Zeigefinger beider Hände und drehen diese Reihe - gut zusammendrücken, damit kein Würfel aus seiner Rolle fällt! – zwei mal um seine Achse. Vorsichtig legen wir diese Reihe mit den veränderten Oberseiten an einen sicheren Ort. Ebenso verfahren wir mit der zweiten und dritten Reihe von unten. Die werden an die zuerst gelegte Reihe gelegt. Und wenn wir auch die letzte Reihe gedreht und nach ihrem neuen Platz transportiert haben, sehen wir statt Frau Holle nun den Wolf mit den sieben Geißlein. In unserem Falle: Hänsel und Gretel zusammen mit der Gastgeberin Alice Hexenkraut. Gelungen! sagen wir und von allen Seiten fällt Lob über uns herab.
Zweimal, dreimal waagerecht drehen, oder senkrecht, vieles ist möglich. Sie kommen nicht aus dem Staunen heraus. Das hatten Sie in ihrer Kindheit nicht gedacht!

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Wieder einmal ein von Ihnen liebevoll beschriebenes Detaill aus der Kindheit. Und dann fallen einem auch gleich andere Dinge ein. Erinnern Sie sich noch an die Aufklappbücher? Wenn man die längs aufgeschlagen hatte, waren Märchenszenen zu sehen und mit einer Pappschlaufe am Rand konnte man dann die Figuren bewegen. Ich hatte Aschenbrödel und Rotkäppchen als Märchenbücher. Eigentlich waren das ja die Vorläufer der 3-D-Medien, oder?

Und mir fallen auch die Oblaten ein. Die einfachen und die Luxusausführung mit Silberstaub. Die wurden dann in ein Poesiealbum geklebt oder einfach nur so gesammelt und getauscht.

Wenn Sie mal in Norddeutschland sein sollten, müssen Sie unbedingt in das Museumsdorf "Am Kiekeberg" gehen. Dort ist zum einen die Ausstellung von Kinderspielzeug und zum anderen gibt es dort auch einen wunderbaren Museumsladen, in dem es unter anderem auch altes Spielzeug wie die Märchenbauklötzer gibt.

Ich kann leider nicht so gut fotografieren wie Sie (eigentlich gar nicht), sonst hätte ich auch schon Spielzeug oder andere Dinge (z.B. Poesiealben) abgelichtet und ein kleines Erinnerungsalbum gemacht.


www.nachgedachtes.blogger.de

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Oblaten und Aufklappbücher
Liebe Frau Behrens, Oblate kenn ich schon, aber Aufklappbücher? Ich könnte mich einiges dabei vorstellen, aber gesehen hab' ich sie nie. Übrigens, über Poesiealben hab ich auch früher schon eine kleine Geschichte geschrieben die ich vielleicht hier und dann übersetzt kann wiederholen. Vielen Dank für ihr freundliches Kommentar!
Gruß, T.

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Es gibt im Internet zwar Antiquariate, die Aufklappbücher führen, aber leider konnte ich kein Bildbeispiel finden, das ich Ihnen nennen könnte. Dabei sind das wirklich wunderschöne lebendige Bilder.

Aber dafür habe ich einen Buchtipp, der für jemanden wie Sie genau paßt:

"Kleines Glossar des Verschwindens" von Andrea Köhler. Hier gibt es Nachrufe auf Dinge wie Sonntagskleider, Eisblumen, Knickerbocker und vieles mehr, was heute verschwunden ist.

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