Montag, 15. März 2010
Bagatelle XLVII - Flügellahm
Ein Vogel, wie zum Beispiel der Storch, hat Flügel und Herr Lahm ist ein (guter) deutscher, rechtsverteidigender Fußballspieler. Nein, so geht’s nicht: ich bringe Sie auf einen völlig falschen Pfad. Deshalb fange ich von vorne an.

Ja, wir haben zu Hause einen Flügel. Ein Klavier also das nicht gerade und aufrechtstehend Musik verbreitet wenn man die Tasten berührt. Unser Flügel liegt geruhsam mit seinem Klangboden samt seinen Saitenbündel waagerecht auf drei standhaften Füßen, wie es einem richtigen Flügel passt. Wenn ich eine meiner Lieblingstasten berühre, schlägt ein mit Filz bezogenes Hämmerchen von oben eine, meistens aber zwei oder drei Saiten an. Wonach ein köstliches Es-Dur den Raum füllt.



Den Flügel, Bauort und -jahr: Wien 1880, habe ich vor Jahren für die Summe van 25 Gulden gekauft. Nicht zu glauben, aber dennoch wirklich wahr. Wie es dazu kam, erzähl’ ich Ihnen ein anderes Mal. Jetzt ist aber eines der Makel an der Reihe, womit unser Flügel von Anfang an zu kämpfen hatte. Ich meine das Fehlen eines der drei Drehfüße.

Der Hut der hat drei Ecken und – wie schon gesagt – drei Füße hat ein Flügel. Vorne, bei den Tastenreihen zwei, und einen ganz hinten, dort wo der Klangboden aufhört. Es sind schwere kupferne Rädchen, montiert an den strammen, hölzernen, schön gedrehten Flügelbeinen. Die Rädchen erlauben den Transport des Instruments durch den Raum und zwischen den Räumlichkeiten des Hauses, insofern sie auf derselben Ebene liegen. Tragen kann man den Flügel kaum, wenn mit vier Mannsleuten, und anerkennend dass man willens ist bis zum Lebensende mit Rückenschmerzen zu leben. Statt einen Drehfuß bekam eins der drei Flügelbeine vor mir einen Holzklotz zum stehen. Aber immer habe gesucht nach Wiedergutmachung: auf Flohmärkten, wo nicht überall. Nirgendwo ein drehender Flügelfuß zu finden.



Bis ich einmal in Wien, in einer Kongresspause, nach einer Fahrt im Praterrad, auf der dortigen Trödelmarkt einen Satz von vier Flügeldrehfüßen fand, den mir die Frau des ungarischen Händlers für einen Appel und ein Ei verkaufte. Eigentlich – es war ein Vierersatz – waren sie gemeint für ein aufrichtiges, stehendes Klavier, aber sie waren genau meine Größe. Eins von vieren hat jetzt unseren alten Flügel von dem Holzklotz befreit. Wenn wir wollten, könnten wir ihn wieder in die Ecke schieben. Aber das ist wohl das Letzte.

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