Samstag, 12. Dezember 2009
Bagatelle XXXI - Rhetorisches Dilemma
An und in dem mehr als einhundert Jahre alten Bauernhof, worin wir das Vergnügen haben zu wohnen, ist im Laufe der Zeit allerhand gebaut und verbaut worden. Aber an dem was wir Keller nennen hat sich wenig geändert. Es ist eigentlich auch kein richtiger Keller, denn eine Treppe nach unten fehlt ganz und gar. Es ist nur ein kleiner Raum auf der sogenannten kalten Seite des Hauses; das heißt: nach Osten und Norden gerichtet, mit einer Länge von zwei Metern und einhundertzwanzig Zentimeter breit. (Extra für Sie noch mal nachgemessen.) Kalt im Winter und kühl im Sommer: gut geeignet um Ess- und Trinkware nebst allen Koch-, Back- und Bratutensilien aufzubewahren. Das eine und einzige Fenster ist von einem eisernen Gitter versehen, wie bei einer Zelle in einem prähistorischen Gefängnis.

Entlang der Mauer befinden sich vier Bretter welche fast unter der Last massenweiser gestapelten Essensware zu brechen drohen. Der Vorrat Eingemachtes reicht mindestens zum Ganznimmerleinstag 2020. Ganz oben in der Ecke steht ein besonderes großes Glas Eingemachtes. Wie es sich bei einem Weck-Glas gehört abgeschlossen von der Außenwelt durch einen Gummiring der Glas und Deckel sowohl von einander trennt als auch zusammenhält.



Wenn Sie sich einige Mühe geben, sehen Sie dass der Inhalt des Glases aus Fleisch besteht. Rindfleisch. Die weiße Masse darüber ist geronnenes Fett das wie ein Schutzschild über das Fleisch liegt. Das richtig besondere ist jedoch das Datum. Ein kleines Schildchen sagt aus, dass dieses Fleisch von einer Kuh stammt die 1940 geschlachtet wurde. Das ist also fast siebzig Jahre her. Siebzig Jahre altes Rindfleisch! Meine Schwiegermutter hat ihr erstes Weck-Produkt als sie in dieses Haus einzog, sorgfältig aufbewahrt. Sie hatte meinen Schwiegervater im Februar 1940 geheiratet.

Ich höre förmlich was Sie denken: kann man das Fleisch jetzt noch essen? Siebzig Jahre ist es luftdicht aufbewahrt. Ein klassisches Dilemma mit zwei Optionen steht vor der Tür und bittet um Eintritt:
1) Wir entfernen den Gummiring – Sie wissen wie: mit einer Nadel in das Gummi stechen, Luft reinlassen - wir öffnen das Glas und wir prüfen ob das Fleisch genießbar ist.
2) Wir lassen alles beim alten. Wir werden jetzt nicht und niemals nicht versuchen das Glas zu öffnen, denn man kann es nur einmal öffnen und nachher nie mehr in den alten Zustand zurückversetzen. Wir werden das Geheimnis hüten und pflegen und werden nie erfahren ob und wie dieses eingemachtes Rindfleisch nach siebzig Jahren schmeckt.

Seien Sie nicht besorgt. Wir wählen die zweite Option. Ohne einen Zweifelaugenblick nehmen wir das Glas in die Hände und setzen es äußerst vorsichtig an seinen Platz auf der obersten Etage in unserem Keller. Für uns ist es keine Frage. Für uns ist es ein rhetorisches, also unechtes Dilemma.

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